Gegenwartsgeschichte zu betreiben ist immer schwierig und mit vielfältigen Problemen behaftet. Ich werde einzelne Quellen heranziehen und mich auf meine eigenen Erfahrungen stützen, wie ich Daniel Hell erleben konnte, vor allem in seiner klinischen Tätigkeit, seiner Arbeit als Chefredaktor des Schweizer Archivs für Neurologie und Psychiatrie und in seiner Funktion als Präsident der Gesellschaft für die Geschichte der Schweizer Psychiatrie und Psychotherapie. Die Darstellung und Auswahl ist deshalb subjektiv und von einer persönlichen Verbundenheit getragen.
Daniel Hell begann im Jahre 1971 am Burghölzli als Assistenzarzt. Er bemühte sich von Anfang an, sich ein möglichst umfassendes Bild vom Leben der Patientinnen und Patienten in der Klinik zu machen. Dafür ein plastisches Beispiel: Als er einmal persönlich Patienten und Patientinnen in die Arbeitstherapie begleitete, führten ihn diese in die Arbeitstherapie ein und zeigten ihm die Arbeitsplätze; vor allem zeigten sie ihm auch diejenigen Arbeitsbereiche, an denen es am wenigsten zu tun gab. 1972 (15.–23. September) organisierte Daniel Hell als Assistenzarzt das erste Ferienlager der geschlossenen Station D auf den Flumserberg. Bei dieser neuen Unternehmung galt es für ihn nicht nur, die Patienten im Auge zu behalten, sondern auch die Ängste und Vorbehalte des Personals zu berücksichtigen. Das für alle einsichtige Ergebnis dieser Unternehmung war, wie ich den Unterlagen entnehmen konnte, die mir Herr Mösli (Herr R. Mösli war über lange Jahre Pfleger und Stationsleiter an der PUK und begründete das Museum der Klinik.) zugänglich machte, der an dem Lager teilnahm, und welches Daniel Hell selbst in einem Artikel festhielt: 22 der 24 teilnehmenden Patienten, die durchschnittlich 16 Jahre auf einer geschlossenen Station verbracht hatten, konnten danach auf einer offenen Station leben; und innerhalb eines Monats nach Rückkehr in die Klinik konnten 3 Patienten sogar entlassen werden.
Daniel Hell kehrte 1977 von Basel wieder an das Burghölzli zurück, dieses Mal als Oberarzt. Er war der Erste und Einzige, der sich bei seinem damaligen Chef, Herrn Prof. Klaus Ernst, 1982 habilitierte, und zwar mit der Arbeit: «Ehen depressiver und schizophrener Menschen». Im Mai 1983 hielt er seine Antrittsvorlesung «Selbstheilungsversuche psychisch Schwerkranker».
Während seiner Burghölzli-Zeit, und getreu der Ausrichtung von Herrn Ernst und dessen Vorgänger Manfred Bleuler, stand die Arbeit mit den Patientinnen und Patienten ganz im Mittelpunkt.
1984 wurde Daniel Hell zum Chefarzt in Schaffhausen gewählt und baute dort ein modernes Psychiatriezentrum auf. Sieben Jahre später, 1991, wurde er dann als ärztlicher Direktor und Ordinarius der Universität nach Zürich berufen. Er übernahm mit der Direktion an dieser traditionsreichen und berühmten Klinik vielfältige Anliegen, Erwartungen und Bürden.
Ich möchte aus einem Brief zitieren, den Manfred Bleuler am 29.12.1990, also im unmittelbaren Vorfeld der Berufung, an Daniel Hell schrieb (diesen Brief überliess mir dankenswerterweise Frau T. Joos-Bleuler, die Tochter von Manfred Bleuler):
Lieber Herr Kollege,
es ist mir wie ein Weihnachtsgeschenk zu erfahren, dass die Hoffnung wächst, Sie würden Nachfolger im Burghölzli. Es bedrückte mich die Gefahr, dass ein Fremder, dem unsere Psychiatrie unbekannt wäre, das Burghölzli übernehmen könnte. Ich weiss, dass Sie «unsere» Psychiatrie bestens vertreten werden mit dem Grundsatz, als Arzt muss der Psychiater beim kranken Menschen bleiben und ihn persönlich betreuen. Die Statistik soll ihm nicht die Hauptsache werden. Ich weiss, Sie werden ein Beispiel geben, dass man sich gerade auch als Chefarzt und Professor um den Einzelnen persönlich kümmern sollte.
Manfred Bleuler hat es richtig vorausgesehen und Recht behalten.
Statt sich vor Exzellenzen und der Rede von kurzlebigen Exzellenzklustern zu beugen, behielt Daniel Hell die langfristigen Ziele und die Verantwortung für die Erkrankten im Auge. Wir können uns nämlich fragen: Was heisst denn Spitzenmedizin in der Psychiatrie? Meistens ist in diesem Zusammenhang ausschliesslich von der Forschung die Rede. Also sollte man dann auch nur von Spitzenforschung sprechen, wobei die Frage immer noch bleibt, worin diese in unserem Fachgebiet besteht. Wenn aber von Spitzenmedizin gesprochen wird, dann heisst das für meine Begriffe in der Psychiatrie und Psychotherapie, Zeit zu haben für die Beziehungsaufnahme und Beziehungsgestaltung mit den Patientinnen und Patienten, denn die Güte der Beziehung ist entscheidend für die Behandlung. Heute wird aber die Zeit immer knapper unter dem zunehmenden ökonomischen Druck und der Zunahme administrativer Aufgaben.
Ein paar Hinweise auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede gegenüber seinen Vorgängern, insbesondere Eugen Bleuler, der neben anderen die Klinik international berühmt machte:
Eugen Bleuler prägte bekanntlich vor nur wenig mehr als 100 Jahren den Begriff der Gruppe der Schizophrenien, ein Begriff der sich weltweit etablierte. Eugen Bleuler wie sein Sohn Manfred Bleuler und in dieser Tradition auch Daniel Hell kämpften im Zusammenhang mit diesem Krankheitsbild gegen die Vorstellung, dass dieser Erkrankungsgruppe ein irreversibler Krankheitsprozess zugrunde liegt.
Zu pointiert wäre es zu sagen, Eugen Bleuler hat den Begriff der Schizophrenie geprägt und Daniel Hell hat ihn wieder abgeschafft. Es trifft aber zu, dass Daniel Hell diesem Begriff kritisch gegenübersteht, ihn zwar nicht vermeidet, ihn aber immer wieder problematisiert. Für ihn ist die Bezeichnung nicht wesentlich, sondern es ist für ihn erforderlich, mit den einzelnen Betroffenen eine gemeinsame Sprache für ihr Leiden zu finden.
Eugen Bleuler lehnte die Philosophie ab, ja er äusserte sich wiederholt herablassend über sie. Daniel Hell dagegen nahm und nimmt philosophische Überlegungen kenntnisreich und fruchtbar in seinen Vorträgen und Publikationen auf. Auch ist er Mitbegründer und Mitverantwortlicher des nun schon seit Jahren laufenden Lehrganges Psychiatrie und Philosophie. (Hinweise über den Lehrgang finden sich unter: www. philopsycho.ch.)
Nach dieser vergleichenden Rückblende komme ich auf die Zeit seiner Direktion am Burghölzli zu sprechen, dem Burghölzli, das dann zur PUK, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, mutierte. Es nicht möglich, auf alle prägenden Leistungen Daniel Hells ausführlich einzugehen, aber wichtige sollen wenigstens kurz festgehalten werden.
Ein entscheidender erster Schritt war die Durchsetzung der Sektorisierung, zugleich verbunden mit der Schaffung der durchgängigen Behandlungskette stationär, teilstationär und ambulant in jedem Sektor.
Ausserdem setzte er die Verkleinerung des Einzugsgebietes durch, um alle Patienten und Patientinnen aufnehmen zu können und so Kontinuität in der Behandlung zu ermöglichen. Um die damalige Zeit in Erinnerung zu bringen: Zuvor mussten bis zu 50% der Patientinnen und Patienten aus unserem Einzugsbereich in andere Kliniken umgeleitet werden.
Von grundlegender Bedeutung war die Erarbeitung des Psychiatriekonzeptes für den Kanton Zürich unter seiner Leitung zwischen 1994 und 1996 und der regierungsrätlichen Verabschiedung 1998. Auf seine Initiative wurde des Weiteren das Gerontopsychiatrische Zentrum Hegibach 1996 eröffnet und das Gastfamilienprojekt (Angaben zu diesem Projekt sind zu finden unter: www. gastfamilien.ch.) begründet.
Erwähnt sei auch kurz, dass die Zeit der Direktion für Daniel Hell nicht immer einfach war, dass es Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen gab, dass nicht alle seine Initiativen (z.B. Station für psychisch kranke junge Erwachsene, Spezialstation für Borderline-PatientInnen, mobile Equipen) auf Gegenliebe und Umsetzungsbereitschaft stiessen.
Noch ein paar persönliche Bemerkungen will ich anfügen:
Beeindruckt hat mich immer bei Daniel Hell, dass er seinen Grundsatz als grundlegende Haltung lebte: Sich den Patientinnen und Patienten stellen!
Er stellte sich aber nicht nur den Patienten und Patientinnen und ihren Leiden, sondern er stellte sich, hell-wach, den aktuellen ökonomischen und wissenschaftlichen Herausforderungen, er stellte sich, und das heisst auch: Er machte keinen Bückling.
Eindrucksvoll auch das suchende Fragen und die kritische Distanz zum Mainstream. Daniel Hell war und ist ein entschiedener Kämpfer gegen eine reduktive Auffassung der Psychiatrie. Aus der Geschichte ist ersichtlich, dass die Aufnahme der Psychiatrie in die medizinischen Wissenschaften ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Erfolg naturwissenschaftlicher Einstellung gegenüber naturphilosophischen Spekulationen war, aber dieser Schritt enthielt auch die Gefahr die wissenschaftliche Zwittergestalt der Psychiatrie somatisch ein-zuengen. Heute bewegen wir uns auf der Welle der neurowissenschaftlichen Einengung. Daniel Hell war einer der wenigen Ordinarien, die sich gegen die Vereinseitigung unseres Faches in Theorie und Praxis wandten, und er war dadurch auch innerhalb der Forschergemeinschaft eine standhafte Ausnahme. Mit beharrlichem Engagement hat er immer versucht, Polaritäten auszuhalten und zu verbinden. Bei aller Offenheit und Wertschätzung neuer Ansätze, die Daniel Hell durch den Aufbau verschiedener Forschungsgruppen auch selbst betrieben und gefördert hat, verlor er die methodisch bedingten Grenzen nicht aus den Augen, sondern begleitete kritisch und selbstkritisch den wissenschaftlichen Prozess.
Die Ausführungen blieben unvollständig, wenn nicht etwas zu seinem zentralen Interesse an der Seele, dem seelischen Erleben gesagt würde. Unter steter Berücksichtigung der empirischen Forschung hat er sich für das persönliche Erleben als unveräusserliche Basis eingesetzt, der Erstpersonenperspektive Raum gegeben und ihr die Tür offen gehalten. Unter den Gefühlen ist für ihn insbesondere die Scham als (in seinen eigenen Worten) «Türhüterin des Selbst» zentral. Im Titel seines Werkes «Seelenhunger» steckt ein Genitivus subjectivus und objectivus, ein Hunger der Seele und nach der Seele. Daniel Hell hat sich um die Seele gesorgt, dem seelischen Erleben «Aufschwung» verliehen.
Von dem Philosophen Gadamer stammt die für die Hermeneutik grundlegende These: «Einen Text verstehen, heisst die Frage verstehen, worauf der Text eine Antwort ist.» Dieser These folgend, möchte ich ein paar Vorschläge zur Lektüre von Daniel Hell machen. Es sind einige wenige Vorschläge, und ich habe nicht den Anspruch, damit erschöpfend zu sein, möchte eher dazu ermuntern, sich selbst auf die Suche nach zugrundeliegenden Fragen zu machen.
Eine der wichtigen Fragen lautet sicherlich:Wie kann ich (wieder) besseren Zugang zu mir und meinem persönlichen Erleben gewinnen, ohne dieses zu bewerten oder gar abzuwerten, sondern es ernst nehmen und achten? Das heisst eigentlich, den von Kant in seiner Schrift über die Aufklärung berühmt gemachten Ausdruck: «sapere aude» wörtlich zu nehmen, nämlich das «sapere» von seiner Betonung der rationalen Seite zu lösen und seine ursprünglichere Bedeutung des Schmeckens, also die erlebnismässige Seite, herauszuheben. Dann hiesse der Ausdruck nicht mehr (wie bei Kant):«Wage dich deines Verstandes zu bedienen», sondern:«Wage dich deines Empfindens zu bedienen».
Weitere Fragen sind: Wie kann ich eine zu enge psychiatrische Perspektive auf existentielle Fragen und Leiden vermeiden? Wie kann ich für meine Einsichten und mein Ein- und Mitfühlen eine eigene Ausdrucksweise und Sprache finden, unabhängig von vorgegebenen psychologischen Rastern und Schulsprachen? Kann ich dem Leiden einen Sinn abringen?
Dem Denken Daniel Hells ist immer wieder auch eine Dialektik eingeschrieben. Sie kommt beispielsweise zum Ausdruck im Ort und der Metaphorik der Wüste. Diese steht einerseits als Bild für die Einsamkeit und Vereinzelung, aber andererseits für die Besinnung auf sich selbst, für den Raum, in dem man wieder Kraft schöpfen kann.
Daniel Hell wurde in einem Interview nach seiner Definition des Glücks gefragt, und er tat sich zu Recht schwer mit einer Antwort, meinte vorsichtig, dass Glück geschieht. Bei Walter Benjamin findet sich folgende Definition: Glück heisst, seiner selbst ohne Schrecken inne zu sein. Daniel Hell kann wirklich ohne Schrecken seiner selbst und seiner Leistungen inne sein, und wir haben mit ihm Glück gehabt und wünschen ihm Glück auf seinem weiteren Lebensweg.