Mit unermüdlichem Engagement und jugendlicher Energie geht Dieter Bürgin, Basler Prof. Emeritus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, nach wie vor seiner Aufgabe als Arzt und Lehrer nach.
Unter Einbezug verschiedenster Kollegen und Gefährten (die weibliche Form muss mitgedacht werden) im Kampf gegen das Leiden der Kinder und Jugendlichen verbreitet er vieles und wesentliches vom verfügbaren Wissen über die ganze Welt.
Das im Karger Verlag (Basel – Freiburg – Paris – London – New York – Bangalore – Bangkok – Singapore – Tokyo – Sydney!) erschienene Buch in englischer Sprache gibt Einblick in den derzeitigen Stand der Forschung und der Klinik der kindlichen und jugendlichen Psychosen.
Die Autoren hatten 2002 in Basel getagt. Vertreter von 16 Kinder- und Jugendpsychiatrischen Zentren in der Schweiz, in Deutschland und Österreich, die sich zu einem gemeinsamen Forschungsprogramm zusammengeschlossen hatten, sowie weitere internationale Experten trugen ihre Ergebnisse zusammen, und wir können ihre Beiträge in überarbeiteter Form lesen. Aber schon in der Einleitung von D. Bürgin erhalten wir einen Überblick über die sehr unterschiedlichen Beiträge und eine Würdigung der zusammengetragenen Arbeiten.
Zum Beispiel erklärt Bürgin den Therapieansatz G. Benedettis einleuchtend: Die Deutungen der psychoanalytischen Psychotherapie hätten die Erfahrungen der Patienten neu zu ordnen; die Technik der «Spiegelbilderfahrung» Benedettis hingegen ersetze die verbalen Konzepte durch Bilder, die nicht Angst erzeugten und die vom Therapeuten dazu verwendet würden, die negativen Selbstbilder der Patienten durch positivere zu ersetzen.
Aus dem Beitrag Dora Knauers (et al.) hebt Bürgin hervor, dass seit den 1960er Jahren in Tageszentren das gemeinsame Ziel verfolgt wird, die psychotischen Kinder mit ihren Ängsten nicht allein zu lassen. Wenn man bedenkt, wie sehr die (innere) Isolierung von den Mitmenschen für die Psychose bedeutsam ist, versteht man die Wichtigkeit dieses Anliegens.
Wie die Forschung in den letzten 15 Jahren zeigen konnte, ist die Früherkennung und frühe Behandlung der autistischen Kinder heute noch ungenügend entwickelt.Während die meisten Eltern autistischer Kinder deren Auffälligkeiten schon im Alter von 17 Monaten bemerkten, erfolgten die ersten Untersuchungen durch kinderpsychiatrische Fachleute im Mittel erst im Alter von 32 Monaten. Eine Übersicht P. McGorrys zeigt, dass die Verläufe jugendlicher Psychosen heute noch unakzeptabel schlecht sind. Hauptverantwortlich dafür sind laut McGorry die langen Zeitdauern, die verstreichen, bis die Patienten eine wirksame Behandlung erhalten. Interventionen in der akuten Krankheitsphase können in über 50% der Fälle zuhause erfolgen. Die medikamentöse Behandlung sollte bei einer Ersterkrankung länger als 12 Monate nach dem Abklingen der Symptomatik weitergeführt werden.
Die Diagnose der jugendlichen Schizophrenie kann, wie Jeammet betont, nicht einfach aufgrund des Vorliegens psychotischer Symptome gestellt werden. Die Komorbidität macht die grössten Schwierigkeiten. Zum Beispiel konsumieren 50% der Jugendlichen mit psychotischen Symptomen laut gewissen Studien Haschisch, so dass nicht entschieden werden kann, woher die psychotischen Symptome kommen.
Der unbewusste Besetzungsabzug (von Selbst- und Objektrepräsentanzen), dessen Ursprung noch weitgehend ungeklärt ist, führt über Zwischenstufen zum psychotischen Zusammenbruch. Wo ursprünglich Beziehung war, ist fortan Abwehr gegen das Objekt und gegen alles, was mit ihm zu tun hat.
Jeammet gibt in seinem Beitrag eine tiefgründige und einleuchtende Darstellung des psychischen Geschehens bei psychotischen Zuständen im Jugendlichenalter.
Eingehende empirische Studien, die F. Resch et al. referieren, erlauben eine genauere Beschreibung der Schizophrenie beim Jugendlichen. Die kollaborative Studie (s. oben) verglich Schizophrene mit anderen stationär-psychiatrischen jugendlichen Patienten und Patientinnen und konnte unter anderem zeigen, wie wichtig Störungen im kognitiven Bereich sind.
Das schmale Büchlein, von einer Illustration Kaspar Fischers geziert, enthält sehr viel mehr als sein Umfang vermuten liesse und ist eine empfehlenswerte Lektüre für alle Fachleute, die mit psychotischen Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Die vorliegende Besprechung konnte aus Platzmangel nicht auf alle Beiträge eingehen.
T. von Salis, Zürich