In der psychodiagnostischen und -therapeutischen Arbeit mit Kindern reicht der sprachliche Dialog allein oft nicht aus, um eine gemeinsame bedeutungsvolle Beziehungsebene zu erreichen. Die Direktheit der Worte kann für die Abwehr und bedrohte Ich-Struktur des Kindes eine zu grosse Gefährdung bedeuten. Beide—Patient und Therapeut—bedürfen eines kreativen Zwischenraumes zwischen Phantasie und Realität. Zeichnungen bieten sich als ideales Medium an, bei dem bewusste Gedanken und unbewusste Motivationen ineinanderfliessen.
Der Tübinger Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Michael Günter beschreibt in seinem Buch den Einsatz der von D. W. Winnicott entwickelten Squiggle-Technik bei Erstinterviews mit Kindern. Bei diesem «Spiel» zeichnen Kind und Therapeut abwechslungsweise einen Schnörkel, den das Gegenüber zu einem beliebigen Motiv vollendet. Der diagnostische oder therapeutische Wert liegt im Inhalt des Gesprächs zu den Bildern, in den vom Kind dazu entwickelten Geschichten oder allein im zeichnerischen Dialog.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Eine Einleitung zu historischen, theoretischen und praktischen Aspekten des Squiggle-Spiels, zwölf reich illustrierte Fallbeispiele und ein abschliessendes Kapitel mit Vorschlägen zum Einsatz der Technik in der psychiatrischen Forschung. In diesem dritten Teil schlägt der Autor den Einsatz von Squiggles als wertvolle Ergänzung zu standardisierten, die bewusste Wahrnehmung abbildenden Verfahren vor. Am Beispiel einer Studie mit Kindern, die eine hämatologische Stammzelltransplantation erhielten, zeigt Günter die unterschiedlichen, sich in ihrer Bedeutung ergänzenden Ergebnisse der Untersuchung mit Fragebögen einerseits und mit der Squiggle-Technik, welche auch Einblicke in die Welt unbewusster Emotionen und Konflikte bietet, andererseits.
Alle Teile des Buches sind gut verständlich geschrieben und sowohl für den auf diese Technik neugierigen wie für den mit Squiggles erfahrenen Leser bereichernd. Die Originalität des Textes liegt besonders in den theoriegestützten Fallbeispielen. Hier zeigt Günter neben seinem grossen Fachwissen auch sein therapeutisches Geschick. Die Gegenübertragung wird wohl bei keiner anderen Therapieform (im wahrsten Sinne des Wortes) so bildhaft dargestellt wie beim Squiggle-Spiel. Dieser Aspekt kommt in der Einleitung vielleicht etwas wenig zur Geltung, dafür werden die Leserin und der Leser bei den Falldarstellungen und den persönlichen Gedanken des Autors zu den Zeichnungen reichlich entschädigt. Spannend sind auch die Beispiele, in denen es Günter gelang, den Eltern oder dem Behandlungsteam innere Konflikte von Kindern, die durch ihr Verhalten Unverständnis und Ablehnung hervorriefen, anhand der Squigglebilder einfühlund nachvollziehbarer zu machen.
Es empfiehlt sich, das Buch mit einer gewissen Gelassenheit zu lesen. Man sollte sich durch die zahlreichen, sehr differenzierten Einfälle und Deutungen des Autors keineswegs entmutigen lassen. Er weist selbst darauf hin, dass er manche Zusammenhänge erst im nachhinein, bei der tieferen Auseinandersetzung mit den Zeichnungen erkannte. Schliesslich geht es Günter nicht darum, die Psychodynamik der Konflikte eines Kindes in den Bildern vollständig zu erfassen. Das wäre ein Versuch, der ohnehin nie gelingen kann. Die wichtigste Botschaft, die das ganze Buch begleitet und so lesenswert macht, lautet, dass das Squiggle-Spiel auch Kindern mit tiefgreifenden psychischen Störungen einen Weg zu bereiten vermag, um in einen therapeutischen und somit heilsamen Dialog zu treten.