Rainer Krause: Allgemeine Psychoanalytische Krankheitslehre, Band 1: Grundlagen
Stuttgart: Kohlhammer; 1997. Mit einem Vorwort von 0. F. Kernberg. Kartoniert, 195 Seiten, 25 Abb., 10 Tab. v 22.50, ISBN 3–17–014542–8
Allgemeine Psychoanalytische Krankheitslehre, Band 2: Modelle
Stuttgart: Kohlhammer; 1998. Kartoniert, 343 Seiten, 27 Abb., 5 Tab. v 25.–, ISBN 3-17-014543-6
Die «Allgemeine Psychoanalytische Krankheitslehre» von Rainer Krause hat sich seit der Ersterscheinung (1997/1998) bereits einen festen Platz in der psychoanalytischen und psychotherapeutischen Weiterbildung erobert. Dieser Umstand beruht nicht zuletzt darauf, dass die Thematik in sehr origineller Weise erkundet wird. Die gängigen Theorien zur psychoanalytischen Krankheitslehre werden kritisch-respektvoll dargestellt und zugleich einer kritischen Überprüfung vor dem Hintergrund empirischer Forschungen unterzogen. Das gegenwärtige Wissen über die Ätiologie, Psychopathologie, Diagnose und psychotherapeutische Behandlung von neurotischen Syndromen, ferner auch von Persönlichkeitsstörungen, wird aus der Perspektive der modernen Affekttheorie in einer spannend zu lesenden Weise beschrieben. Hierzu greift der Autor auf seine eigenen empirischen Arbeiten zur Affekttheorie zurück. Krause geht insbesondere auf die Funktion der Affekte als Ausdruck von Trieben im interpersonellen Aktionsbereich ein und schildert die affektiven, interpersonellen Interaktionen als Niederschlag früher internalisierter Objektbeziehungen.
Der erste Band geht insbesondere auf die therapeutische Situation als Erfahrungsgrundlage für die Theoriebildung ein. In diesem Zusammenhang werden zentrale Aspekte des Übertragungsvorganges dargestellt. In der affekttheoretisch geleiteten Sichtweise können unbewusste affektive Botschaften, die frühe pathogene internalisierte Objektbeziehungen reflektieren, mit objektiven Methoden erfasst werden, wenn auf das affektive Ausdrucksverhalten in der Interaktion zurückgegriffen wird. Die therapeutische Situation wird als «regelgeleitete und dennoch kreative Handhabung von Inszenierungen» aus der Sicht des Psychoanalytikers, der von Krause auch als «Online-Forscher» aufgefasst wird, an einem instruktiven Fallbeispiel praxisnah dargestellt.
Der zweite Band vermittelt einen Überblick über psychoanalytische Modelle der Triebe und Affekte, der Entwicklungspsychologie (sexuelle Entwicklung, Entwicklung des «Über-Ichs», des ödipalen Konfliktes, der Entwicklung von Beziehungen, Kognitionen und Strukturen), der Abwehr und der topographischen Organisation des Gedächtnisses. Wie ein roter Faden verknüpft auch hier der Aspekt der affektiven Kommunikation bzw. der Signalfunktion des Affektes die unterschiedlichen für die psychoanalytische Theorie seelischer Krankheit und die Handhabung des psychoanalytischen Settings bedeutsamen Dimensionen. Krause zeigt, wie durch die psychobiologische Natur der affektiven Strukturen (die hochspezifischen mimischen Ausdrucksmuster, die subjektive Erfahrung von Lust und Schmerz, die kognitive Bewertung der Situation zusammen mit neurovegetativen Manifestationen und psychomotorischen Phänomenen) die biologische Disposition der Affektaktivierung mit den Schicksalen der frühen Objektbeziehungen verbunden ist. Vor diesem Hintergrund gelingt es Krause, die unterschiedlichen Ebenen der therapeutischen Interaktion genauer zu erfassen; er unterscheidet die extern beobachtbare manifeste Oberflächenstruktur der Interaktion, das durch die unbewusst aktivierte Übertragungsdisposition gesteuerte empathische Intentionsverstehen (das die verdrängten und dissoziierten, konfliktuösen, verinnerlichten Objektbeziehungen in der Übertragung und Gegenübertragung aktiviert) und die reflexive interpretative Kommunikation des Therapeuten, die die Wahrnehmung des Zusammenspiels von Übertragung und Gegenübertragung abbildet. Von besonderem therapeutischem Interesse ist dabei die Auseinandersetzung mit der konfliktuösen Paradoxie der therapeutischen Situation, die darin besteht, dass zeitgleich zur bewussten Nachfrage nach Hilfe bei der Überwindung der Folgen pathologischer Beziehungsmuster das Muster selbst repetiert wird. Strukturelle Veränderungen werden schliesslich durch charakteristische innere Krisen im psychotherapeutischen Prozess ermöglicht, die über das kognitiv-affektive Durcharbeiten ohne Neuinszenierungen den Patienten und Patientinnen erlauben, eine neue Stabilität von integrierteren unbewussten Wünschen und bewussten Erwartungen zu erarbeiten. Die Erforschung der Affekte trägt somit auch zur Entwicklung eines Brückenkonzeptes der Wechselwirkungen von biologischen Dispositionen und frühen psychischen Erfahrungen bei. Dieser Zugang ermöglicht ein vertieftes Verständnis von Abwehrvorgängen, die insbesondere im zweiten Band ausführlich dargestellt werden. Auf diesem Wege gelingt es nicht zuletzt auch, den kontrovers diskutierten Mechanismus der projektiven Identifikation auf die empirisch nachzuweisenden Abläufe der gestörten affektiven Kommunikation zwischen zwei Personen zurückzuführen.
Zusammenfassend gelingt es Krause, seine Absichtserklärung einzulösen, dass der Leser nach der Lektüre in der Lage sein sollte, zentrale Modelle psychoanalytischen Denkens kritisch zu verstehen. Die beiden vorliegenden Bände öffnen die Psychoanalyse der modernen neurobiologischen und sozialpsychologischen Forschung. Sie eignen sich insbesondere für PsychoanalytikerInnen, PsychiaterInnen und PsychologInnen, die Interesse haben an der Weiterentwicklung einer modernen Entwicklungspsychologie und Persönlichkeitstheorie.
H. Böker, Zürich