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Mitteilungen der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte
 
 
Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy is published by MDPI from Volume 176 Issue 1 (2026). Previous articles were published by another publisher in Open Access under a CC-BY (or CC-BY-NC-ND) licence, and they are hosted by MDPI on mdpi.com as a courtesy and upon agreement with the previous journal publisher.
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Book Review

Heinz Böker, Daniel Hell, Hrsg.: Therapie der affektiven Störung: Psychosoziale und neurobiologische Perspektiven

by
J. Küchenhoff
Basel, Switzerland
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2003, 154(3), 143; https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01359
Published: 1 January 2003
Welche Anforderungen muss heute ein Lehrbuch erfüllen? Es dürfte die Übersicht in der Fülle einzelwissenschaftlicher Befunde nicht verlieren, umgekehrt aber auch nicht spezifische Anschaulichkeit und Konkretion vernachlässigen. Es müsste Spezialisten zusammenführen, ohne dass der Grundgedanke eines einheitlichen Konzeptes verloren ginge. Es müsste umfassend, d.h. thematisch geschlossen, und doch an den Rändern durchlässig sein, um Möglichkeiten für Ergänzungen, Kritik und Weiterentwicklungen zu lassen. Es müsste den Kliniker neugierig auf Grundlagen wissenschaftlicher Fragen machen, umgekehrt müsste der Theoretiker über klinische Befunde staunen. Das vorliegende Buch erfüllt diese Anforderungen an ein Lehrbuch weitgehend, es ist daher von exemplarischer Qualität und Güte.
Es befasst sich mit einem Spezialbereich der Psychiatrie, nämlich der «Therapie der affektiven Störungen». Es ist in einer zweiten Hinsicht exemplarisch zu nennen. Es widmet sich nicht nur, wie noch zu zeigen sein wird, dem spezifischen Thema, sondern führt zugleich in eine Fülle zeitgenössischer, aktueller Konzepte ein, d.h., es lehrt ein psychiatrisches Denken, immer am Beispiel der affektiven Störung. So lernt der Leser, was unter differenzieller Psychodynamik (Mentzos) zu verstehen ist. Er macht sich erneut Gedanken darüber, wie wichtig syndromatologisches Denken als Grundlage nicht nur von Klinik, sondern auch von Forschung ist (Scharfetter), er begegnet überall der Betonung der Erstpersonenperspektive, die objektivierende Befunde ergänzen muss. Er lernt etwas über den Zusammenhang von Interaktion und Affektivität (Mundt), wird dazu angehalten, das Verhältnis von Trauma und Psychose nicht nur empirisch, sondern auch konzeptuell zu durchdenken. Er wird aufmerksam auf die Wichtigkeit von Körperbildern (Schopper), und er kommt auf ganz neue Behandlungskonzepte, wenn er neurophysiologische Diagnostik und psychotherapeutische Methoden zusammenführen will (Northoff). Viele andere Beispiele liessen sich anführen.
Auch in der Darstellung seines spezifischen Themenbereichs schliesslich ist das Buch vorbildlich. Er wird breit eröffnet, berücksichtigt werden u.a. der soziale Kontext und das auf diesen Kontext gerichtete oder reagierende Selbstkonzept des Patienten, der bei einer Imbalance dieses Verhältnisses depressiv erkranken kann (Hell); berücksichtigt wird die Persönlichkeitstypologie, wobei das Borderline-Konzept in Richtung affektiver Selbstwertprobleme erweitert wird (Mentzos). Beschrieben werden die Interaktionsmuster und impliziten Kontaktformen, die depressive Affekte generieren oder aufrechterhalten. Psychopathologisch wird das Verhältnis von Angst und Depression untersucht, der traumatische Ursprung affektiver Störungen geklärt. Besonders beachtenswert ist der neurobiologische Zugang, den Northoff wählt, der nicht nur die an sich schon sehr interessanten Befunde zu kortikalen Funktionen Depressiver referiert, sondern aus ihnen zugleich Konsequenzen für eine komplementäre Psychotherapie zieht, die diese neurobiologisch spezifizierbaren Defizite aufzugreifen hätte.Wichtig ist dabei die Komplementarität, also die sinnreiche Ergänzung bestehender Verfahren, nicht deren Widerlegung. Das Buch widmet sich psychotherapeutischen Methoden in der ganzen Breite, angewendet auf depressive Störungen, bipolare und schizoaffektive Störungen. Es bringt von der Verhaltenstherapie v.a. die Plananalyse (Caspar) ins Spiel, es betrachtet psychodynamische Ansätze, interpersonale Therapien (Schramm), Paartherapien (Neraal). Auch die Psychopharmakologie kommt nicht zu kurz, sondern wird breit erörtert. Versteckt unter den Beiträgen dann überraschend der Artikel von Böker, «Depressionen: Psychosomatische Erkrankung des Gehirns?», der sich gut am Anfang des Buches gemacht hätte, da er doch eine integrative Zusammenschau der vielseitigen Aspekte versucht und dadurch grundlegend ist. Spannend zu lesen, gleichwohl im Buch ein Fremdkörper bleibt
A. Mosers Erfahrungsbericht zum Verhältnis Psychoanalyse und Psychiatrie.
Kritisch anzumerken ist allein die Form, der Leser stolpert über mehr Schreibfehler, als ihm lieb sein kann.
Das Buch ist, zusammenfassend gesagt, sehr empfehlenswert, weil es in dreifacher Hinsicht exemplarisch ist: als Lehrbuch, als Einführung in komplexes psychiatrisches Denken und als eine breite Darstellung der Psychopathologie, der Dynamik und der Therapie affektiver Störungen.
J. Küchenhoff, Basel

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Küchenhoff, J. Heinz Böker, Daniel Hell, Hrsg.: Therapie der affektiven Störung: Psychosoziale und neurobiologische Perspektiven. Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2003, 154, 143. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01359

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Küchenhoff J. Heinz Böker, Daniel Hell, Hrsg.: Therapie der affektiven Störung: Psychosoziale und neurobiologische Perspektiven. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy. 2003; 154(3):143. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01359

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Küchenhoff, J. 2003. "Heinz Böker, Daniel Hell, Hrsg.: Therapie der affektiven Störung: Psychosoziale und neurobiologische Perspektiven" Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy 154, no. 3: 143. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01359

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Küchenhoff, J. (2003). Heinz Böker, Daniel Hell, Hrsg.: Therapie der affektiven Störung: Psychosoziale und neurobiologische Perspektiven. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 154(3), 143. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01359

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