Für den Thieme Verlag gibt ein Team kompetenter Fachleute eine Zeitschrift heraus, welche die Psychoanalyse, die Systemische Therapie und die Verhaltenstherapie in einer, wie Pichon-Rivière sagen würde, konvergenten Epistemologie (Ich übersetze aus dem Vorwort zu El Proceso Grupal: Die Synthese dieser [meiner] Forschung kann [begrifflich] gefasst werden mit der Bezeichnung einer konvergenten Epistemologie, welcher zufolge die Wissenschaften des Menschen einen einzigen Gegenstand «Den Menschen-in-der-Situation» betreffen; sie erfordert eine pluridimensionale Angehungsweise. (Pichon-Rivière E. Buenos Aires: Ediciones Nueva Visión; 1985. S. 12)) erfassen will. Das vorliegende Heft ist den Gefühlen gewidmet.
Wenn nicht überhaupt in der Psychotherapie, so doch in bezug auf die Gefühle wird ein Bedürfnis nach einseitig schulenspezifischer Sicht als überholt angesehen.
So bemerkt Steffen Fliegel in seinem «Resümee», die «kognitive Wende» habe dazu beigetragen, dass die verschiedenen Richtungen «sich auf einander ähnliche therapeutische Strategien zusammenführen» lassen. Sei es «bei der Beschäftigung mit kognitiven Prozessen im weitesten Sinne um die Aspekte Handlungsvorbereitung, Handlungsausführung und Handlungsbewertung» gegangen, kämen durch das Emotionale die Themen Regulation, Beziehung und Biografie hinzu. Und weiter: «Welche Strategie auch immer angewandt wird, sie kommt nicht ohne eine therapeutische Beachtung der Beziehung zwischen PatientInnen und TherapeutInnen aus.» Es sei «notwendig, die lebensgeschichtliche Einbettung der Gefühle zu verstehen» [Hervorhebungen im Original].
Unter einer Rubrik «Standpunkte» wird das Thema «Gefühle mit Gefühlen behandeln» von Annette Kämmerer abgehandelt, die aus der Vielfalt von Aspekten des Themas, wie sie eine akademische Psychologie in ermüdender Vollständigkeit überblicken will, ein paar vernünftige Konsequenzen herausdestilliert.
Rainer Krause handelt in der Rubrik «Aus der Praxis» theoretische und behandlungstechnische Gesichtspunkte aus psychoanalytischer Sicht mit ethologischem Hintergrund ab. Ein ebenfalls sehr akademischer Beitrag, dessen Vorzüge für den Praktiker aber u.a. in einer Klärung der Begriffe und der Einführung in eine interessante Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie und Technik liegen. Gefühle seien, so Krause, «ein eigenständiges, auch die Triebe steuerndes Motiv- und Signalsystem». In ihnen sehe man das phylogenetisch entstandene, säugetierspezifische Kommunikationssystem, das unter anderem dazu dient, die Bedürfnisse, d.h. auch die «Objektbeziehungswünsche an sich selbst und einen Partner [...] zu signalisieren».
Krauses Arbeit ist voller nützlicher Hinweise für Psychotherapeuten. Das dürfte mit der grundsätzlich wichtigen Stellung des Affektiven in der Psychotherapie, aber auch mit Krauses Interesse für die psychoanalytische Klinik zusammenhängen.
Die theoretische Grundlage, die Krause für die Psychotherapie zu bieten hat, ist sehr viel solider als diejenige der übrigen Beiträge, die unter der Rubrik «Aus der Praxis» in dieser Ausgabe enthalten sind. Die beiden Theoriestränge, ethologisch und psychoanalytisch, sind aus der Beobachtung und der Therapie von Verhalten bzw. psychischem Leiden entstanden und sind dementsprechend aussagekräftig, besonders in der geglückten Kombination, die Rainer Krause vorstellt.
In der Mitte des Heftes steht ein Podiumsgespräch mit dem Thema Übertragung, an dem Exponenten der Psychoanalyse, der Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, des Psychodramas, der Verhaltenstherapie, der Systemischen Therapie, der Integrativen Gestalttherapie und der Analytischen Psychologie nach C.G. Jung teilnehmen.
Der Eindruck, der sich (im Sinne einer vorbestehenden Idee des Rezensenten) einstellt, ist der eines Theoriedefizits im ganzen Bereich der Psychotherapie, aber mit deutlichen Unterschieden von Schule zu Schule. Die solideste theoretische Grundlage hat sicher die Psychoanalyse, mit einem Nachteil: Sie ist für viele schwer verständlich. Das zeigt sich in dem kurzen Schlagabtausch, den der Gesprächstherapeut anstösst: «[...] was die Gesprächstherapie beachtet, ist eigentlich eher aus der genauen Beobachtung der Interaktion [...].» [Der Analytiker:] «Da bin ich vielleicht falsch verstanden worden.» [Der Gesprächstherapeut:] «Das nehme ich an.»
Ebenfalls eine theoretische Grundlage ist der Verhaltenstherapie zuzuschreiben. Deren Vertreter formuliert dementsprechend klar und einleuchtend, wie das Phänomen der Übertragung von der Verhaltenstherapie konzeptuell und praktisch gefasst wird. Er sagt u.a.: «Wir haben einen anderen Weg genommen – einen Umweg gemacht – und kommen jetzt zur wissenschaftlichen Behandlung von Dingen, die bei Freud Thema waren [...]. Auch wir nehmen das Auftauchen alter Beziehungsmuster zum Anlass, um es in der Therapie zu thematisieren [...] und zu verändern.»
Aus dem Publikum wird rückgemeldet, man sei positiv davon beeindruckt, wie das Übertragungskonzept in allen vertretenen Therapieformen eine zunehmende Rolle zu spielen scheine.
Aus jeder der vorgestellten Schulen wird eine Fallvignette vorgebracht, und hier zeigen die Autoren etwas vom Besten.
Sowohl aus dem Gefälle Theorie-Klinik als auch aus den Publikumsreaktionen geht hervor, mit wieviel Schwierigkeiten ein so zentrales Thema wie die Übertragung aufwartet, wenn sich die Leute darüber verständigen sollten.
Unter den vielen interessanten Beiträgen dieses Heftes – ein Interview mit dem Bergsteiger Reinhold Messner ist eine der Perlen – findet sich ein Gespräch mit einer Journalistin, die den Standpunkt der Konsumenten vertritt. Sie moniert, dass ein Bedürfnis nach (Qualitäts-)Kriterien und Orientierung besteht – eine Beratung über die Beratung wäre gefragt.
Sie weist auf ein Informationsdefizit hin, das ganz einfache, aber grundsätzlich wichtige Aspekte der Therapien betrifft: Es fallen Stichworte wie Unzulässigkeit von Zuzahlungen, Extra-Leistungen, Abgeltung in «Naturalien» wie zum Beispiel Übernahme von Hausarbeiten durch den Patienten, Kinderhüten, Autowaschen, Steuerberatung [...], aber auch Besonderheiten der Praxiseinrichtung werden angesprochen, Aufklärung des Patienten über die Art der Therapie und Aufklärung über unzulässiges Verhalten von Therapeuten wie sexuellen Verkehr, Geheimhaltungsbefehle, Sektenwesen.
Die Journalistin hat den Eindruck gewonnen, dass heute insgesamt eine bessere Aufgeklärtheit über Psychotherapie besteht als noch vor zehn Jahren. Was sie für die Zukunft wünscht, ist zum Beispiel, dass die Berufsverbände sich mehr um die berechtigten Anliegen der Patienten kümmern würden, statt nur auf die eigenen Interessen zu achten.
Hiermit ist ein Grundsatz der Psychotherapie mit angesprochen: Die Interessen der Behandler müssen mit denjenigen der zu Behandelnden in ein gutes Verhältnis kommen. Ein zu grosser Überhang auf die eine oder andere Partei bringt die Therapie zum Scheitern.
Th. von Salis, Zürich