Cambridge/Mass., London: Harvard University Press; 2002. Leinen, 469 Seiten. € 39.95, ISBN 0-674-00619-4
David Healy, der als Direktor des North Wales Department of Psycholocigal Medicine wirkt, ist einer der Gründer der Geschichte der Psychopharmakologie. Er hat entscheidend dazu beigetragen, Licht in deren Anfänge in den 1950er Jahren zu bringen. Er hatte zuvor, zusammen mit dem international bekannten Psychopharmakologen Thomas A. Ban und dem Psychiatrie-Historiker Edward Shorter, beide USA, mehrere Bände herausgegeben, in denen die noch lebenden Begründer der Psychopharmakologie aus aller Welt ihre Erinnerungen und Gedanken zur Entstehung und Entwicklung der Psychopharmakologie und des im Jahre 1957 auf Initiative des Basler Pharmakologen Ernst Rothlin gegründeten Collegium Internationale Neuro-Psychopharmacologicum bekannt geben.
Healy schlägt in seinem neuesten Buch einen Bogen von der Entdeckung des Chlorpromazins, dem ersten Neuroleptikum, zu den Antidepressiva (Imipramin) bis den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, den Benzodiazepinen und dem Methylphenidat, die nicht nur eine grosse Bedeutung in den psychiatrischen Behandlungen erlangt haben, sondern das Interesse der Psychiatrie zunehmend von der Psychotherapie in Richtung der biologischen Psychiatrie verschoben haben.
Der Autor versäumt es indes nicht, auch kritische Bemerkungen zu diesem «Triumph» der Psychopharmakologie hinzuzufügen. Er erwähnt in diesem Zusammenhang, dass die Behandlung von Psychotikern mit Neuroleptika in den 1960er Jahren von vielen Fachleuten und Laien auch als «chemische Zwangsjacke» angesehen wurde. Healy führt auch die Antipsychiatrie an mit den Protagonisten Ronald David Laing und David Cooper, die die Spitalpsychiatrie eher als ein Milieu der Schulung zur Abnormität als der Heilung ansahen. Es wird darin auch auf Thomas Szasz eingegangen, der das Konzept der psychischen Krankheit als logische Absurdität betrachtete und der Psychiatrie vorwarf, sich zu unrecht den Mantel der Medizin umzuhängen, statt den Aussagegehalt der psychiatrischen Phänomene zu verstehen. Leider hat der Autor in diesem Zusammenhang Franco Basaglia vergessen, der in Gorizia/ Italien beispielhaft die Tore des dortigen psychiatrischen Spitals öffnete und durch Aufbau eines sozialpsychiatrischen Netzes, in das er die Bevölkerung zur Mithilfe mit einbezog, auch schwer psychisch Kranke in die Gesellschaft zu integrieren suchte.
Healy wirft immer wieder einen Blick auf die Psychotherapie und insbesondere die Psychoanalyse und anerkennt zumindest deren grosse Einwirkungen auf unsere westliche Kultur. Es lässt sich in seinem Buch jedoch unschwer erkennen, dass er den Psychopharmaka mehr Bedeutung für die Therapie psychisch Kranker beimisst. Doch lässt er auch durchblicken, dass die durch die Psychopharmaka erzielten und durch viele Messskalen überprüften Behandlungsresultate bzw. festgelegten Verhaltensnormen die individuellen Besonderheiten der Behandelten zu wenig berücksichtigen.
Am Schluss des Healyschen Buches erleichtert ein nach den acht Buchkapiteln geordnetes Literaturverzeichnis mit Hinweisen auf weiterführende Werke das Verständnis des Lesers.
Healy vermittelt mit seinem neuen Buch einen erkenntnistheoretisch und fachlich breit abgestützten Überblick über die Entwicklung von Psychopharmakologie und Psychiatrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der zwar auch Fragen hinterlässt, aber sicher Fachleute wie interessierte Laien durch seinen Gedankenreichtum fesselt.
R. Battegay, Basel