Ein spannendes und – was für das vorgelegte Mosaik von psychiatriekritischen Texten aus den Jahren 1979–1994 keineswegs selbstverständlich ist – auch heute noch, und auch aus schweizerischer Sicht, bemerkenswert aktuelles Buch! Denn Dörner, weit davon entfernt, nach bekannter Alternativmanier einfach die «Psychiatrie der andern» an den Pranger zu stellen, ist ein Meister des Hinterfragens vorab des eigenen Tuns und Denkens. Auch über die Identifikation mit andern in der Psychiatrie wichtigen Berufs und Menschengruppen (darunter Patienten und Angehörige) gewinnt der studierte Arzt, Historiker und Soziologe immer wieder überraschende Einsichten. Schwerpunktmässig kreisen seine Texte zunächst um das Thema der Nazipsychiatrie 1933–45, während welcher bekanntlich – wie man gerade auch dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit des 1933 in nationalsozialistischem Umfeld geborenen Autors selber weiss – weit über 100 000 psychisch Kranke als «lebensunwertes Leben» ermordet worden sind. Mehr noch als die unmittelbaren politischideologischen Zustände jener Zeit macht Dörner dabei die tief im wissenschaftlichen Zeitgeist verankerten Wurzeln dieses entsetzlichen Geschehens deutlich. Zusammen mit der ständig zunehmenden Versachlichung, Entpersonalisierung, Medikalisierung und Institutionalisierung psychischen Leidens spielen dabei insbesondere die seit der Jahrhundertwende überall vorherrschenden Erblichkeits-, Degenerations- und Psychopathielehren – an welchen, wie man weiss, auch der berühmte Schweizer Psychiater August Forel einen massgeblichen Anteil hatte – eine verhängnisvolle Rolle. So ist zu vernehmen, dass man schon im Ersten Weltkrieg auf dieser Basis in Deutschland an die 70 000 Psychiatriepatienten mehr oder weniger absichtlich hat verhungern lassen. Und einfach verschwunden sind – auch bei uns! – nach 1945 solche Denkweisen bis heute keineswegs. Dies belegen sowohl die bis in die jüngste Zeit vielerorts fortgesetzten Zwangssterilisationen von psychisch und geistig Behinderten wie auch die im Vergleich zur Naziideologie z. T. genau gleichen Argumente, die von aktuellen Euthanasiebefürwortern und auch von Einzeltätern aus dem Pflegebereich, die in den letzten Jahren Alte und Chronischkranke heimlich umgebracht haben, ins Feld geführt werden. In neuem Gewand taucht verwandtes Gedankengut ferner in den aktuellen («Ethik-») Diskussionen um den Begriff des «Hirntods» oder gar «Teil-Hirntods» auf, wo unter dem Anteressendruck der Organspendensuche» u. a. zwecks «Spendennutzung anencephaler Säuglinge» (welch schreckliches Wort!) erneut versucht wird, den Wert eines Menschen rein utilitaristisch-rational zu bestimmen. – Weitere Schwerpunkte der Dörnerschen Reflexion sind versorgungspolitische und wissenschaftstheoretisch-psychopathologische Fragen. Schon 1982 greift er dabei auf moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse zur prinzipiellen Unvorhersehbarkeit und Beobachterabhängigkeit komplexer physikalischer wie biologischer Prozesse zurück; komplementär zu einer objektivierenden Psychopathologie propagiert er auf dieser Basis eine «Begegnungspsychopathologie», wie sie psychoanalytisch etwa in Winklers oder Devereux’ Konzeptualisierung der Gegenübertragung auf mehr phänomenologischer Basis beispielshaft, aber ebenfalls (was bescheiden verschwiegen wird) in Dörners eigenem Buch «Irren ist menschlich» vor.Augen geführt wird. Was es bringt, psychisches Leiden nicht nur als krankhafte Störung, sondern auch als zutiefst sinnhafte Lebensentwicklung von besonders verletzlichen Menschen zu verstehen, die soziale Unstimmigkeiten aller Art seismographisch zum Ausdruck bringen, zeigt er im Lebenslauf des grossen, 1942 von den Nazis ermordeten jüdischen Dichters Jakob van Hoddis, dessen Name im von Dörner initierten Selbsthilfeverlag weiterlebt.
Darüber hinaus wäre auf eine Fülle von interessanten Überlegungen zu Sonderfragen hinzuweisen, von der (auch meines Erachtens) seit langem fälligen Problematisierung des «heiligen» Begriffs der Schizophrenie bzw des «Spaltungsirreseins» über die Infragestellung des aktuellen Trends zur diagnostisch spezialisierten Klinikstation bis zu einem beeindruckenden Plädoyer gegen die soziale Ausgrenzung der Homophilen. Kritisieren kann man, nebst manchen Wiederholungen und z.T. überzeichneten Formulierungen wie etwa derjenigen von der angeblich alles dominierenden «Jammerkultur der Pflegenden», dass trotz allen Beteuerungen, wonach die «Station nicht der Nabel der Welt» und die «eigentliche Welt» auch des schwer Psychischkranken heute mehr denn je die «Welt draussen» sei, Sichtweisen und Problemstellungen des Sozialpsychiaters Dörner lange Zeit erstaunlich anstaltszentriert bleiben. Dies ist indes wohl in erster Linie seinem bevorzugten Beobachtungsstandort als Leiter eines beispielhaft fortschrittlichen psychiatrischen Grosskrankenhauses zuzuschreiben. Aus der Ansammlung von scheinbar unveränderlichen Chronischkranken im stationären Bereich erklärt sich vermutlich ebenfalls seine Polemik gegen einen angeblich kontraproduktiven «Mythos der Heilbarkeit» psychischer Störungen. Sie lässt nicht nur die mindestens so kontraproduktiven Effekte ausser acht, die umgekehrt gemäss den Arbeiten Wings zum Institutionalismus vom überholten Mythos ihrer Unheilbarkeit drohen, sondern auch das veränderte Bild, das Verlaufsuntersuchungen über mehrere Jahrzehnte wie die von Bleuler, Huber, Harding und uns selber vermitteln, welche auch längst aus der Psychiatrie entlassene ehemalige Patienten umfassen. – Solche Einseitigkeiten werden indes spätestens dann ausgeglichen, wenn Dörner, ausgehend von einer Utopie des französischen Gewerkschafters Gorz, eine konsequent gemeindezentrierte Lösung der berühmt-berüchtigten «sozialen Frage» (was mit «Randständigen» aller Art zu geschehen habe, wozu sie überhaupt da seien ... ) entwirft, in welcher über eine drastische Reduktion und Umverteilung der Arbeit auch psychiatrische Langzeitpatienten wieder einen würdigen Platz inmitten der Gesellschaft finden würden. Wieviel Kritik einzelne bewusst provokative Aussagen Dörners auch auslösen mogen: Der Gewinn, den die Lektüre dieses Buchs bringt, ist ungewöhnlich.
L. Ciompi, Belmont-Lausanne