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Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy is published by MDPI from Volume 176 Issue 1 (2026). Previous articles were published by another publisher in Open Access under a CC-BY (or CC-BY-NC-ND) licence, and they are hosted by MDPI on mdpi.com as a courtesy and upon agreement with Editores Medicorum Helveticorum (EMH).
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Review

Identität und Ablösung – Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz

Heidelberg, Germany
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2016, 167(5), 137-146; https://doi.org/10.4414/sanp.2016.00411
Published: 1 January 2016

Summary

Identity and detachment – developmental tasks of adolescence. Whereas the term “puberty” describes physical development from childhood into adulthood, “adolescence” is characterised by fundamental transformational mental steps in the psychosocial field. Adolescents become aware of their self-authorship and hence experience identity. To achieve the goal of personal autonomy, young people must undergo psychological separation from their primary original family, in the form of detachment. Both significant aspects of individuation – detachment and experience of identity – are designated as developmental tasks. Adolescence is now commonly extended to include a phase named “emerging adult”. Individuation and meaningful social roles are challenges for many young people, leading to a desperation that may be associated with increased risk of psychopathological issues. Social variety leads to fragmentation and confusion about the individual’s social role. At what point does creative variety turn into chaos and arbitrariness? Young people increasingly react by exhibiting risky behaviour, which allows them to maintain their identity and self-worth, and provides a conflict-laden experience of autonomy. That said, the potential risks of such behaviours include repercussions on young people’s health and social lives, thereby jeopardising and potentially derailing their future life trajectory. The family, too, is subject to an array of societal influences that may lead to dysfunctional features of family life such as lack of time, energy and affection, as well as typical patterns of excessive control and neglect, and, in the end, disputes between two clashing parents. Such dysfunctional families impede the detachment process, or obstruct it entirely. Risk-taking behaviours by young people constitute aimless expressions of manifest detachment, whose sole objective is to drive onward leaving future life-roles undefined. Dulling the senses with substances, temptations to violence or religious fanaticism, and acts of self-harm represent expressions of self-objectification and paradoxical self-consumption whose underlying desperate quest is for oneself and belonging.

Adoleszenz und Selbstentwicklung

Die Adoleszenz markiert den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Sie lässt sich nicht als Zeitpunkt definieren, sondern kennzeichnet eine mehr als zehn Jahre dauernde Phase, die sich von den pubertären biologischen Basisveränderungen bis hin zu den kulturellen Anpassungsleistungen des jungen Erwachsenenalters erstreckt. Unter dem Begriff der Pubertät werden die biologischen Reifungsschritte zusammengefasst, während der psychosoziale Übergang vom Kindesalter zum Erwachsenendasein als Adoleszenz bezeichnet wird [1]. Neben der Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale und den oft beschworenen hormonellen Veränderungen finden sich auch wichtige Reifungsprozesse der anatomischen Strukturen in unterschiedlichen Regionen des Gehirns; beispielsweise reift der präfrontale Kortex – der auch mit den höheren kognitiven Funktionen in Verbindung gebracht wird – später als jene Kortex-Areale, die sensorische, motorische oder emotional-regulatorische Leistungen steuern. Im funktionellen Bereich erlauben diese anatomischen Reorganisationsprozesse eine Weiterentwicklung der sogenannten exekutiven Funktionen – also der kognitiven Prozesse, die das Denken und Handeln kontrollieren und auf diese Weise eine flexible Anpassung an neue komplexe Aufgabenstellungen ermöglichen. Unter neurobiologischen Gesichtspunkten wird versucht, die erhöhte Risikobereitschaft von Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf diese differenzierte Reorganisation zerebraler Prozesse zurückzuführen: eine Hypothese besagt, dass sich offenbar subkortikale Hirnareale, insbesondere das limbische System und das Belohnungssystem, deutlich früher zur Reife entwickeln als der präfrontale Kortex – wodurch ein Ungleichgewicht zwischen reiferen subkortikalen und unreiferen präfrontalen Hirnstrukturen hervorgerufen wird [2]. Demzufolge wäre diese Imbalance verantwortlich für eine erhöhte Impulsivität und Risikobereitschaft.
Die Adoleszenz ist aber nicht nur ein biologischer Umbauprozess, sie ist auch durch eine Reihe fundamental-mentaler Wandlungsschritte im psychosozialen Feld gekennzeichnet – und in hohem Masse als eine kultursensible Entwicklungsphase aufzufassen. Von manchen Autoren wird die Adoleszenz als die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit bezeichnet, was sicher eine unzulässige Romantisierung darstellt. Auch die Kindheit ist kein paradiesischer Zustand. Es ist davon auszugehen, dass bereits mit der Vereinigung von Samenzelle und Eizelle beim Menschen das Paradies zu Ende geht und lediglich ein niemals erreichter Sehnsuchtsort bleibt. Zentrale Punkte des Erwachsenendaseins stellen die Generativität, also die Fortpflanzung und Sorge um den Nachwuchs, sowie die sich in Arbeit auskristallisierende Verantwortung für sich und andere dar. Die Adoleszenz ist durch eine Reihe von Entwicklungsaufgaben gekennzeichnet, die zum Ziel haben, dem Menschen die Basis für seine Selbsturheberschaft[3] zu schaffen. Der Mensch erkennt sich als Autor seiner Handlungen, ebenso wie er sich als Autor der Narrative über sich selbst, also der zentralen Lebenserzählungen, versteht.
Selbstbestimmung ist ein emanzipatorischer Akt.
Diese Selbsturheberschaft stellt ein bedeutsames philosophisches Problem dar, das seit der Aufklärung den vernünftigen Menschen jenseits einer Einengung durch Glauben oder emotionale Passion als selbstreflexives Wesen kennzeichnet. Das Gefühl der Identität bezieht sich auf die Basis der Selbsturheberschaft: Jenes existentielle Grundgefühl, das dem eigenständigen Handeln und Erleben eine Verortung im eigenen Dasein ermöglicht, wird in der Adoleszenz ausdifferenziert. Erikson [4] hat 1959 in seinem Buch Identität und Lebenszyklus festgestellt: «Identität, das ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Umwelt ihr gestattet» [5]. Um dieses Ziel erreichen zu können, braucht es im Lebenszyklus am Übergang ins Erwachsenenalter einen physiologischen Prozess der Trennung von zu Hause, also der «Ablösung» [1]. Eine solche Ablösung kann als Entwicklungsaufgabe formuliert werden. Der selbstbestimmte Mensch besitzt Autonomie – als innere Unabhängigkeit in den Wertvorstellungen, Freiheit im Denken, Aktivität im Planen und eine Kohärenz in der Selbsterzählung. Die Selbstbestimmung ist also ein emanzipatorischer Akt, der auch die Selbstfürsorge und Unabhängigkeit in der Selbstversorgung – im Sinne der Autarkie – umfasst. Der Prozess der Individuation muss die Strebungen der Selbstentfaltung und des Bindungsbedürfnisses integrieren, um eine bezogene Individuation [6] zu ermöglichen. Auch wenn das Identitätsthema und die Forderung nach Autonomie kulturell formuliert und gesellschaftlich geprägt sind, ist der Übergang in die Erwachsenenwelt immer und in allen Kulturen mit einem Abschied von der Kindheit verbunden. Diese Trennung von der Geborgenheit zu neuen Aufgaben ist also auch ein biologisches Thema und nicht blosse gesellschaftliche Konvention!
Die Phase der Adoleszenz hat sich seit der Zeit, als Erikson [4] sie in den Lebenskontext hineindefinierte, mittlerweile bis in die zweite Lebensdekade verlängert. Unter dem Titel «Fun and Exploration» hat Arnett [7] den Begriff einer «Emerging Adulthood» geprägt, die durch eine Verlängerung des Übergangs vom Jugendlichendasein in ein verantwortliches Erwachsenen-dasein gekennzeichnet ist. Dafür werden die zunehmende Komplexität der Ausbildungswege, eine Erweiterung des Spektrums sozialer Rollen und neue Formen des Zusammenlebens zwischen den Generationen verantwortlich gemacht. Die junge Generation bleibt zwar finanziell abhängig, hat aber subjektiv ein Freiheitsgefühl. Die Verlängerung dieser Entwicklungsphase trägt der Neuheit gesellschaftlicher Herausforderungen durch die neuen Medien und dramatische Veränderungen in der Berufswelt Rechnung [5]. Ich werde zu zeigen versuchen, dass die verlängerte Suche von Jugendlichen nach sich selbst und ihrer Stellung in der Gesellschaft nicht immer lustvoll, sondern oft auch verzweifelt ist, und dass die gesamtgesellschaftlichen Prozesse manche Jugendliche in ihren Entwicklungsaufgaben auch zum Scheitern bringen.

Identität, Definition und Entwicklung

Wir können Identität als Übereinstimmung des Subjektes mit sich selbst formulieren. Die Einheit der Person zeigt sich darin, dass die sich lebendig spürende Person der Handlungen und die sich in Wahrnehmungen erkennende Person deckungsgleich sind. Identität ist somit ein Akt der Selbstverortung des Individuums in übereinstimmenden, aber aus unterschiedlichen Richtungen – aktiv – eingenommenen Perspektiven. Gernot Böhme fasst es folgendermassen zusammen: Der autonome Vernunftmensch war das Ideal der europäischen Aufklärung, die das Menschsein in der Vernunft suchte. Diese Selbststilisierung des Menschen hatte auch «Schattenseiten». So scheint es, dass der Mensch in seiner «verzweifelten Anstrengung», sich als Vernunftmensch selbst zu begründen, die anderen Aspekte seines Daseins ausschliessen musste, so dass er «in beständiger Besorgnis des drohenden Selbstverlustes» – wie Kant es ausdrückt – «leben muss» . Aus dem Blickwinkel der Vernunft erscheinen die anderen Seiten des Menschen als irrational, irreal, unmoralisch oder unlogisch. Es ist jedoch so, dass alle Bestände der Selbstgegebenheit, der Leib, das Unbewusste, das Begehren, die Fantasie, die Herkunft und die gelebte Vergangenheit, also alles, was wirklich zu einem gehört, die Quellen der Subjektivität darstellen, die dem Ich als konsistentem Akteur zugrunde liegen. Daher scheint sich das neue menschliche Selbstverständnis des souveränen Menschen in der Polarität von Ich und Selbst abzuspielen. Im gesellschaftlichen Prozess muss der Einzelne «als Denker seiner Gedanken, als Täter seiner Taten und sogar als Träger seines Leibes auftreten. Er kann nicht nur leben, sondern muss ein Leben führen: Er muss Selbst sein». In diesem Zusammenhang bleibt die bewusste Person aber im Lebensvollzug stets auf das Selbst als Quelle seiner Subjektivität angewiesen. Alles, was zu einem gehört und einen ausmacht, wird nicht durch ein inneres Herrschaftsverhältnis zusammengehalten, quasi zur «Einheit der Person» [8] zusammengeschweisst, sondern muss durch eine innere Dialektik in einer Balance zwischen unterschiedlichen Polen gehalten werden. Die unterschiedlichen Bestände des Eigenen, die in vielfältigen Wechselwirkungen das Selbst ausmachen, stellen die Quellen des Subjektes dar, die schliesslich das Ich formieren und zu sich selbst in Beziehung treten lassen.
Identität ist Selbstwahrnehmung als einmalig und unverwechselbar nach aussen sowie die Übereinstimmung von Erst- und Drittpersonen-Perspektive nach innen: Das Ich als Akteur wird mit dem Objekt der Selbstbetrachtung in Übereinstimmung gebracht. Das Selbst als Unteilbares und Unverwechselbares in seiner Vielfalt (Individuum) ist in seiner Identitätskonstruktion sowohl auf die selbstreflexive Identität wie auf die unverbrüchliche Zuordnung zu einer bestätigenden Gemeinschaft – die Identifikationen erlaubt – angewiesen.
Die reflexive Identität ist in ihren Komponenten von Scharfetter aus psychopathologischer Sicht [9] erstmals beschrieben worden. Auf dem Gebiet der Säuglingsforschung konnten diese Dimensionen aus entwicklungspsychologischer Perspektive bestätigt werden (Zusammenfassungen bei [10,11]). Die reflexive Identität beruft sich auf Grunderfahrungen der eigenen «Vitalität», der eigenen «Aktivität» – wobei die Referenzkopie der eigenen Handlungen Grundlage der Selbsturheberschaft ist [3]. Die «Konsistenz» ist ein Gefühl des inneren Zusammenhangs über unterschiedliche Gefühlszustände hinweg und die «Kohärenz» ein Grundgefühl der Kontinuität des Selbstseins über unterschiedliche Entwicklungsphasen. Schliesslich ist die reflexive Identität durch ein grundsätzliches Erleben der «Demarkation» von innen und aussen, von Selbst und Anderen gekennzeichnet. Bei Verlust der Demarkation entsteht die Befürchtung der gefährlichen Verschmelzung.
Die reflexive Identität beruft sich auf das Selbstbewusstsein, wobei wir nach Frank [12] zwischen Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis zu unterscheiden haben. Während Selbstbewusstsein die unmittelbare, nicht gegenständliche und nicht begriffliche Bekanntschaft von Subjekten mit sich selbst darstellt, kann als Selbsterkenntnis die Reflexionsform von Selbstbewusstsein, also die explizite begriffliche und in vergegenständlichender Perspektive unternommene Thematisierung des Bezugsgegenstandes der eigenen Person, angesehen werden [12]. Auch Jean-Paul Sartre [13] hatte diese Unterscheidung schon in seiner Terminologie der «Conscience de Soi» und der «Connaissance de Soi» unterschieden [zit. nach 12].
Neben der reflexiven Identität ist ein Identifikationsvorgang der zweite Mechanismus der Identitätskonstruktion. Eine Identifikation (strukturierte Internalisierung) ist mit Personen oder Aspekten von Personen (Idolen) möglich, die dem eigenen Selbst zugeordnet werden. Identifikationen können auch mit Rollen und Aufgaben erfolgen, die dann als selbstbestimmende Ziele erscheinen. Schliesslich ist der Identifikationsprozess auch durch die Zugehörigkeit zu definierten Gruppen, Religionsgemeinschaften oder Ethnien gekennzeichnet. Diese Zugehörigkeiten zu einer bestätigenden Gemeinschaft stärken das Identitätsgefühl. Dabei spielt die Anerkennung [14] durch die anderen Mitglieder der Gemeinschaft eine fundamentale Rolle. Es besteht ein dialektisches Spannungsverhältnis zwischen reflexiver Identität (definiert durch Selbstbezogenheit und Abgrenzung) und identifikatorischer Identität, die durch Zugehörigkeit, Erweiterung und Grenzöffnung festgelegt wird. So sind Abgrenzung und Teilhabe, Selbstbezogenheit und Selbstöffnung gegenüber einem Du, Identitätsbestandteile, die wie das Einatmen und Ausatmen ein lebendiges Pulsieren der Person widerspiegeln [1].
Identifikatorische Prozesse können nicht nur über Zugehörigkeiten und soziale Rollen, sondern auch über eigene Werke wirksam werden, wofür ein Begriff der «expressiven Identität» [15] steht. Über ein produktiv kreatives Tätigsein können Werke entstehen, mit denen man sich identifizieren kann, die wie Übergangsobjekte Beziehungen zu anderen konstituieren und stellvertretend für das Selbst anderen Personen entgegengebracht werden können. So können sich Jugendliche in sozialen Rollen zum Ausdruck bringen, eigene Fähigkeiten, Talente und Interessen über Tätigkeiten in Werken Gestalt werden lassen, wobei sie wiederum aus der Interaktion mit anderen neuen identifikatorischen Sicherheit gewinnen können [1]. Bezüglich der expressiven Identität bezieht sich Descombes [15] auf eine Passage der Nikomachischen Ethik von Aristoteles. Dabei wird formuliert, dass der Meister oder Künstler in seinem Werk zum Ausdruck kommt, «denn was er in Möglichkeit ist, zeigt das Werk in der aktuellen Verwirklichung». Die Idee ist offensichtlich nicht, dass beispielsweise ein Bildhauer mit einer Statue identisch ist. Die fragliche Identität soll im expressiven Sinne verstanden werden: Was die Individualität eines bestimmten Künstlers ausmacht, ist in dem zu suchen, was die Individualität eines bestimmten Kunstwerks ausmacht [15].
Wenn Identität das Empfinden von Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit bedeutet, dann ist es plausibel, dass Brüche in der Beziehung zum sozialen Umfeld Labilisierungen des Identitätserlebens bewirken [5].
Da die Identitätsentwicklung schon in der Kindheit beginnt und ein lebenslanger Prozess bleibt, werden in veränderten Umwelten die Wechselwirkungen zwischen den Entwicklungsaufgaben der Identitätsformation, der Selbstwertregulation und der Ablösung nachhaltig beeinflusst.

Selbstwert und Ablösung

Die narzisstische Regulation ist – als evaluative Stabilisierung des Selbstwertes – durch eine innere Bewertung der eigenen Möglichkeiten zur Anpassung an die physikalische und soziale Umwelt gekennzeichnet. Selbstwert und Handlungsfähigkeit müssen gegen Anfeindungen durch andere Personen oder missglückte Anpassungsaufgaben verteidigt werden. Das narzisstische Regulationssystem ist Teil eines umfassenderen Systems der Selbstvergewisserung. Der Selbstwert erfährt in der Adoleszenz – durch die Intensivierung selbstreflexiver Aktivitäten – eine Neustrukturierung. Erste Integrationsschritte von Selbstwert und Identität sind aber schon in früheren Lebensphasen erfolgt.
Wir definieren den Selbstwert kurz als eine reflexive Erkenntnis der Kompetenz- und Akzeptanzerfahrungen, die ein Individuum in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt macht. Wir können erkennen, dass Komponenten der Kompetenz- und Akzeptanzerfahrungen sowohl für die Entwicklung des Selbstwertes als auch des Identitätsgefühls Bedeutsamkeit besitzen. Wie entwickeln sich denn Selbstwert und Identität? Sowohl die Selbstwertregulation als auch die Identitätskonstruktion fussen auf den sich entwickelnden Fähigkeiten der Perspektivenübernahme [16]. Es bedarf der Perspektivenübernahme des Kindes, um das Kriterium der Akzeptanz überhaupt erfüllen zu können: Um Akzeptanz zu erleben, muss das Individuum sich in andere, die es akzeptieren, einfühlen können. Andererseits bedarf es der selbstreflexiven Fähigkeit, um die Kompetenz und die Performanz (das tatsächliche Umsetzen von Kompetenzen bei aktuellen Gelegenheiten) auch tatsächlich für sich fruchtbar machen zu können. Frühformen der Akzeptanz erlebt das Kleinkind als Bindungssicherheit: Die Eltern sind Zufluchtsort und Gestalter des kindlichen Erfahrungsraumes. Beim Schulkind gelingt die Selbstwertregulation durch Akzeptanz und Kompetenzerfahrungen – durch Erlebnisse des Gelingens und durch pädagogisch dosierte Rückmeldungen von den wichtigen Bezugspersonen. Die Selbstwertregulation baut aber auf der frühkindlichen Selbstkonstellation auf und gelingt je nachdem besser oder schlechter, wie integriert das Selbst bis zu diesem Stadium ist. Die Integrationsfähigkeit des Kindes in Bezug auf seine Selbstanteile darf nicht bloss aus der Erwachsenenperspektive beurteilt und damit abgewertet werden. Kinder sind in jeder Lebensphase ihren Möglichkeiten gemäss optimal angepasst, und Störungen der Selbstintegration bei Kindern müssen immer mit dem Integrationsniveau der kindlichen Normalität verglichen werden [17]. In der Adoleszenz wird die Selbstregulation dadurch verkompliziert, dass die Akzeptanz durch die Gleichaltrigen-Gruppe (Peer-Gruppe) von viel grösserer Bedeutung wird als noch im Stadium des Schulkindes. Eine Nichtakzeptanz durch die Peer-Gruppe kann nicht mehr durch elterliche Zuwendung und Bestätigung allein kompensiert werden [1].
Kinder sind in jeder Lebensphase ihren Möglichkeiten gemäss optimal angepasst.
Im Stufenkonzept von Erikson [18] werden die Ausbildung des Selbstwertes und die Formation von Identität als nacheinander sich entwickelnde Aufgaben von Latenz und Adoleszenz aufgefasst. Dieser Auffassung muss jedoch widersprochen werden. Auch eine im Schulalter oder der Latenzphase gelingende Selbstwertregulation wird in der Adoleszenz wieder neuerlich auf den Prüfstand gestellt. Selbstwert und Identität zeigen sich nicht unabhängig voneinander oder stellen aufeinander aufbauende Selbstfunktionen dar, vielmehr sind sie miteinander verwobene Prozesse, die in jeder Entwicklungsphase sich nach neuen Zielvorstellungen orientieren und neue Fliessgleichgewichte eingehen müssen. Auch wenn die Selbstwertregulation in der Latenz zur Vermeidung von Minderwertigkeitsgefühlen gelingt, ist diese Regulation kein Garant für die nächste Entwicklungsphase. Wenn nämlich Minderwertigkeitsgefühle dadurch verhindert werden, dass das Subjekt seine Grunderfahrungen in der Interaktion mit anderen Menschen schwächt, spaltet, durch Selbstverleugnung verbiegt oder in Scheinanpassungen und Selbstentfremdungen abwehrt, dann kann trotz vorübergehendem Gelingen der Selbstbestätigung in Kompetenz und Akzeptanz der nächste Schritt der Identitätsentwicklung beeinträchtigt sein, und in weiterer Folge die Selbstwertregulation eine Gefährdung erfahren. Der Selbstwert muss in der Adoleszenz auf einem neuen reflexiven Niveau in Wechselwirkung mit der Identitätsentwicklung konstituiert werden, wobei der Selbstwert niemals fest an einem Pol der Kompetenz oder Akzeptanz zu verorten ist. Selbstwert ist niemals allein Kompetenz oder allein Akzeptanz, sondern immer beides. Strukturpsychologisch ist anzumerken, dass es niemals Identitätsprobleme ohne Selbstwertprobleme geben kann. Selbstwertkonflikte auf der Basis vorübergehender Misserfolge, die nicht dem narzisstischen Wechselspiel mit wichtigen Bezugspersonen (durch schwere Beziehungsstörungen) entstammen, sind jedoch möglich. Das von Desintegration bedrohte Selbst ist in seiner Selbstwertregulation jedoch immer auch bedroht.
Wer nicht von anderen wertgeschätzt wird und als attraktiv angesehen wird, dessen Aussehen und Fähigkeiten können auch bei positiver Ausgangslage nicht zu einer Verbesserung des Selbstwertes beitragen. In der Adoleszenz sind gesteigerte Selbstüberschätzungen möglich. Sie kennzeichnen ein Selbsterleben, das durch hohe Ambitionen, verstärkte Kränkbarkeit und eine gesteigerte Tendenz zum Wütendwerden gekennzeichnet sind. Beziehungsstile der Abwertung und Idealisierung sind möglich. Der Selbstentwurf des normalen Jugendlichen ist so beschaffen, dass die Person an ihren hochfliegenden Ambitionen jedoch wachsen kann, während übertrieben hohe Erwartungen Jugendliche an ihren eigenen Ansprüchen scheitern lassen. Ein solcher Verlust vorausschauender Selbstentwürfe kann mit einem Verlust des Prinzips Hoffnung einhergehen und in Depression und Selbsthass münden [1]. Das vermehrte Bedürfnis nach Selbstbespiegelung und sozialem Echo ist nur durch gelingende Interaktionen mit Gleichaltrigen und einer damit einhergehenden positiven sozialen Akzeptanz zu befriedigen. Bereits Alfred Adler [19] stellte die beiden Pole des Zärtlichkeitsbedürfnisses einerseits und des Machtstrebens andererseits in der Beziehungsgestaltung von Menschen ins Zentrum des Interesses. Das Bindungsbedürfnis kann nach Bowlby [20] als ein Grundverlangen nach Nähe und Beziehung gekennzeichnet werden. Bei der Selbstwertregulation gilt es zwischen Macht und Ohnmacht, Annäherung und Ablehnung individuelle Synthesen und Kompromisse zu finden. Eine Überbetonung des Bindungsbedürfnisses kann zu Abhängigkeitstendenzen führen, eine Überbetonung des Selbstentfaltungsstrebens kann über Dominanzstreben zu Machtausübung und Willkür auf Kosten anderer werden [1]. Schliesslich können durch einen energetischen Rückzug aus beiden Domänen eine Apathie und die soziale Isolation resultieren. Nur durch die Synthese von Bindungsbedürfnis und Selbstentfaltungsstreben gelingt eine bezogene Individuation [6].
Verselbständigung und Eigenständigkeit verlangen einen vergrösserten Handlungsspielraum und eine Weiterentwicklung des Entscheidungsspielraums von Jugendlichen. Auch die Entwicklung zur Eigenständigkeit findet im Spannungsfeld zwischen Autonomiestreben und Bindung statt. Die Ablösung von der eigenen Familie wird durch eine positive Anerkennung in der Gleichaltrigen-Gruppe und einen stabilen Selbstwert gefördert. Auch eine gelungene Identitätskonstruktion erleichtert das Grundgefühl der Unabhängigkeit. Während ein zu später oder missglückter Abschied von der Familie die Entwicklung des Jugendlichen gefährdet und ihn in pathologischer Weise an seine primären Bezugspersonen knüpft, ist auch ein zu früher Abschied riskant, da die Jugendlichen dadurch den alterstypischen Risikoverhaltensweisen zur Selbstdefinition und Selbstbehauptung verstärkt ausgesetzt werden [1].
Selbstwert ist niemals allein Kompetenz oder allein Akzeptanz, sondern immer beides.

Rollenübernahme

Ausgehend von Eriksons Ideen [18] arbeiten heute mehrere Forschergruppen an einer empirischen Überprüfung der Identitätskonzeptionen – so z.B. James Marcia [21] in Kanada und Koen Luyckx [22] in Belgien. In Norwegen ist es die Gruppe um Jane Kroger (Übersicht bei [5,23]). Die Identitätskonzeption wurde in zwei Dimensionen aufgeteilt, die im Englischen mit «exploration» und «commitment» bezeichnet werden. Unter Exploration verstehen wir die Erforschung, Erkundung, Untersuchung und Erprobung unterschiedlicher sozialer Rollen, während «commitment» mit Engagement, innerer Verpflichtung und verbindlicher Festlegung einer einmal getroffenen Entscheidung zur Übernahme sozialer Verantwortung einhergeht. Diese Untersuchungen werden in den Lebensbereichen der beruflichen Karriere, der Bestreitung des Lebensunterhaltes sowie der Partnerwahl und Partnerschaftlichkeit, den allgemeinen Aspekten der Entwicklung einer Werte-Welt und eines ethischen Bewusstseins gegenübergestellt. Der Exploration folgt also schliesslich das «commitment». Marcia [21] war der Erste, der Eriksons Idee empirisch umgesetzt hat. In der Status-Diagnostik hat Marcia [24] schon früh vier verschiedene Identitätskonstellationen beschrieben. Während die erworbene Identität nach ausreichender Exploration eine verbindliche Rollenübernahme voraussetzt, ist die übernommene Identität ohne ausreichende Suche nach Alternativen durch eine allzu rasche frühe Entscheidung zur Rollenübernahme gekennzeichnet. Demgegenüber zeigt sich das Moratorium in immer wieder wiederholten Schleifen der Exploration, die nicht zur ausreichenden Festlegung führen. Solche wiederholten Explorationsversuche ohne Verbindlichkeit werden auch als «ruminative Exploration» bezeichnet [5]. Schliesslich ist noch die Identitätsdiffusion zu nennen, die weder durch explorative Suche noch eine verbindliche Rollenübernahme gekennzeichnet ist.
Die Untersuchung von Kroger zeigte [23], dass am Übergang ins junge Erwachsenenalter 26% der Probanden im Moratorium und 21% im Stadium der Identitätsdiffusion anzutreffen waren. Nur 34% hatten eine erworbene Identität. Marcia fand in seinen Forschungsarbeiten heraus, dass seit den 70er Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts eine Zunahme an diffuser Identität zu verzeichnen war. Ähnliche Ergebnisse beschrieb Jane Kroger [23] in ihrer ‹Metaanalyse›. Wir gehen nach Seiffge-Krenke [5] davon aus, dass Identitätsdiffusion und Moratorium zunehmen und die gesellschaftliche Herausforderung offensichtlich mehr in einer sozialen Vielfältigkeit, statt in einer Vertiefung von wenigen sozialen Rollen liegt. Stellt eine solche Vielfalt ein Risiko dar? Der Philosoph Descombes [15] und der Sozialphilosoph Hartmut Rosa [25] befürworten die Vervielfältigung von Identitäten und halten fest, dass die Individualisierung offensichtlich die Lebensvollzüge aus starr vorgegebenen sozialen Rollen herausführen. Notwendig ist aber, dass eine Balance zwischen Kontinuität und Kohärenz auf der einen Seite sowie Wandel und Flexibilisierung auf der anderen Seite gewahrt bleiben.
Alle Formen krisenhafter Anpassungsprobleme sind in der Regel mit Risikoverhaltensweisen verbunden.
Die Frage stellt sich: Wo endet die Pluralisierung und Multiplizierung des Selbst? – Und wo beginnen Fragmentierung und Konfusion? Wann wird aus Vielfalt Chaos und Beliebigkeit? An so einem Punkt beginnt in der Pluralität die Korrosion des Selbst, das Subjekt beginnt sich aufzulösen, wie Richard Sennett [26] es beschrieben hat.
Die empirische Forschung zeigt auf, dass jene Personen, die Identitätstypen mit ‹commitment› zugerechnet wurden, über eine bessere psychische Grundgesundheit verfügten, während junge Leute im Moratoriums- oder diffusen Stadium eher Depressivität, Ängstlichkeit und psychosomatische Beschwerden zeigten (Übersicht bei [5]). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass offenbar nach neueren Übersichtsarbeiten zur Frage einer Zunahme psychischer Störungen in den letzten Jahrzehnten der Schluss gerechtfertigt ist, dass es einen säkularen Trend zunehmender emotionaler Probleme und antisozialer Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen in hochentwickelten Industrieländern gibt [27]. So zeigte sich eine ansteigende Tendenz, vor allem für depressive Störungen mit Beginn in der Adoleszenz. Es scheint, dass sich emotionale Probleme in der Adoleszenz in mehreren Ländern Europas in den letzten 30 Jahren vermehrt haben [27]. Auch Schlafstörungen, somatische Belastungsstörungen und Risikoverhaltensweisen zeigen diesen säkularen Trend. Im Folgenden sollen daher insbesondere die Risikoverhaltensweisen in ihrem Bezug auf die Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz näher betrachtet werden.

Risikoverhaltensweisen

Wenn die Entwicklungsaufgaben nur krisenhaft gemeistert werden, kann es zu akuten Störungen der Anpassung kommen, die mit Identitätsdiffusion, Selbstentfremdungserlebnissen, Rollenkonfusionen, Selbstwerterschütterungen sowie Ablösungs- und Beziehungskrisen einhergehen können [1]. Alle Formen krisenhafter Anpassungsprobleme sind in der Regel mit Risikoverhaltensweisen verbunden: Diese definieren sich durch Handlungsmuster, die eine mutwillige Gefährdung der Person und ihrer Entwicklungschancen bedeuten, wobei in kurzfristiger Sicht die Ziele einer Befriedigung von Bedürfnissen, einer Lösung von Anpassungsproblemen, der selbstreflexiven Bestätigung oder der Anerkennung durch Gleichaltrige erreicht werden. Für subjektiv bedeutsame Ziele aus dem Bereich der Entwicklungsaufgaben, wie Identität und Selbstwert, wird eine Gefährdung der Person und ihrer Zukunft in Kauf genommen. Risikoverhaltensweisen sind also durch einen Mangel an Selbstfürsorge, einen Mangel an Gesundheitsbewusstsein und einen Mangel an sozialer Ein- und Umsicht gekennzeichnet, wobei sie aber im Dienste des Selbst stehen. Sie können durch exzessiven Alkohol- und Drogengebrauch zum Ausdruck kommen oder zu sozialen Regelübertretungen bis hin zu delinquenten Verhaltensweisen mit Diebstahl, Betrug, Erpressung oder Raub führen. Risikoverhalten kann auch mit einer Abnahme der Leistungsmotivation verbunden sein, was zu gravierenden Schul- und Ausbildungsproblemen Anlass gibt. Schulvermeidung stellt derzeit ein wichtiges Anpassungsproblem des Jugendalters dar [28]. Die Beziehungsmuster können durch Streit und Aggressivität geprägt sein, wobei es zu Auseinandersetzungen mit Autoritäten und Rivalen kommt. Auch innerhalb der Familien kann es zu schweren Zerwürfnissen führen, was wiederum den Ablösungsprozess verkompliziert [29]. Risikoverhaltensweisen können auch den Umgang mit den neuen Medien betreffen, wobei ein suchtartiger Internetkonsum nicht selten mit Abkapselung, Rückzug aus sozialen Kontakten und einer Schwächung der Realitätskontrolle einhergehen kann. Wenn sich der Schlaf-Wach-Rhythmus ändert oder Ernährungsgewohnheiten umgestellt werden, können asketische Rituale und Tag-Nacht-Umkehr erfolgen. Überstarke oder vernachlässigte Körperhygiene werden zum Zerrbild der notwendigen Kulturtechniken des Erwachsenenalters. In Extremfällen können UBahn-Surfen oder Strommast-Klettern zu gegenseitigen Aufstachelungen in Jugendgruppen führen. Riskante Sexualverhaltensweisen sind dadurch geprägt, dass die disponierten Jugendlichen sich nicht nur sexuell wahllos verhalten, sondern auch durch Verzicht auf Vorsichtsmassnahmen ein erhöhtes Risiko von Geschlechtskrankheiten eingehen [29]. Viele Risikoverhaltensweisen folgen dem Muster des «Russischen Roulettes»: Bewusst wird in Kauf genommen, dass etwas Schlimmes passieren kann. Nicht selten machen sich Jugendliche dabei Illusionen darüber, wie stark sie die Gefahren in den Griff bekommen können, die Erwachsenen als nur schwer kontrollierbare Phänomene erachten. Ein solches proximales Denken, das nur die nahe Zukunft in den Fokus nimmt und mögliche Vorteile ins Zentrum stellt, vernachlässigt gesundheitliche Spätwirkungen, soziale Nachwirkungen oder Sanktionen vonseiten der Erwachsenenwelt. Askese, Neugier und Experimentierfreude werden über Vernunft und Verantwortungsübernahme gestellt [29]. Risikoverhaltensweisen erfüllen bei Jugendlichen eine individuelle, spezifische Funktion im Zuge der Entwicklungsaufgaben, die erst durch eine funktionelle Kontextanalyse entschlüsselt werden kann [30]. Offenbar stellt bei der Entstehung von Risikoverhaltensweisen die aktuelle soziale Kompetenz der Jugendlichen einen grundlegenden Faktor dar. Jugendliche, die durch einen Mangel an sozialem Echo, durch Mobbingerfahrungen oder Misserfolge im schulischen und beruflichen Umfeld Beeinträchtigungen erfahren haben, zeigen mit höherer Wahrscheinlichkeit Risikoverhaltensweisen wie beispielsweise Selbstverletzungen [31]. Bei Jugendlichen, die in Aussenseitergruppen oder Cliquen Anerkennung suchen, kann das starke soziale Echo vonseiten devianter Gruppen zu immer riskanteren Verhaltensweisen führen, die einem Aufschaukelungsprozess entsprechen. Gerade wenn Eltern nicht verfügbar scheinen und eine protektive Rolle elterlicher Fürsorge und Kontrolle entfällt, dann spielen die Wertvorstellungen Gleichaltriger eine umso grössere Rolle [29]. So wird das gefährliche Verhalten von Jugendlichen insbesondere deshalb gezeigt, weil es verboten ist oder bei Erwachsenen Ablehnung und Entsetzen hervorruft[32]. Risikoverhaltensweisen führen zweifellos durch ihr Gefahrenpotential dazu, sich selbst besser spüren zu können, sich besser definieren zu können oder bestätigt zu fühlen. Die Wertschätzung resultiert in diesen Fällen gerade durch die Abgrenzung von der Erwachsenenwelt [29].
Risikoverhaltensweisen sind offensichtlich nicht bei beiden Geschlechtern gleich verteilt. Drogenkonsum und aggressive Verhaltensweisen dominieren unter männlichen Jugendlichen, während sich Essstörungen, emotionale Regulationsprobleme und Selbstverletzungen vermehrt bei Mädchen finden. Auch wenn Risikoverhaltensweisen aktuell den Jugendlichen ermöglichen, ihre persönlichen Ziele zu erreichen, schaffen sie auf längere Sicht jedoch mehr Probleme, als sie lösen. Im ungünstigen Falle können Risikoverhaltensweisen Vorstufen von psychischen Störungen darstellen und schliesslich in psychische Störungen mit Krankheitscharakter übergehen [1]. Ob Helfersysteme den Fokus eher darauf richten, dass Risikoverhaltensweisen durch ungenügende Reifungsprozesse neuronaler Netzwerke hervorgerufen werden [2], oder ob den sozialen Konstellationen das grössere Augenmerk gewidmet wird – im Endeffekt zeigt besagtes Verhalten negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit und die Reifung neuronalen Netzwerke [1].
In besonderer Weise sollen die Risikoverhaltensweisen der Selbstverletzung noch einmal hervorgehoben werden. So stellt kaum ein Problemverhalten von Jugendlichen im Therapieprozess ein so archaisches Ereignis dar, das Unverständnis, Sorge, Entsetzen, Abscheu und ohnmächtige Wut bei therapeutischen Bezugspersonen aufkommen lassen kann [33]. Selbstverletzendes Verhalten gilt als besonders kompliziertes Problemverhalten in der therapeutischen Arbeit mit Jugendlichen. In neuer Nomenklatur werden Selbstverletzungen heute als nicht suizidale Selbstverletzungen apostrophiert, da diese konzeptionell, intentional und auch ätiologisch von unmittelbaren Selbstmordabsichten zu unterscheiden sind [34]. Wir finden zwar zwischen Selbstverletzungen und Suizidalität eine hohe Komorbidität, der selbstverletzende Akt dient aber eher einer Abwehr von Suizidideen, als er dieselben erfüllt. Die Prävalenzzahlen in der Allgemeinbevölkerung sind offenbar in den letzten Jahren gestiegen. Wir gehen davon aus, dass viele Jugendliche (bis zu einem Drittel) sich im Laufe ihres Lebens selbst einmal verletzen, dass aber nur drei bis vier Prozent der Jugendlichen dieses Verhalten repetitiv aufweisen [34]. Selbstverletzungen können einen suchtähnlichen Mechanismus der Intensitätssteigerung annehmen, und sie dienen häufig der Stabilisierung des Selbst unter Bedingungen eines diffusen Identitätsgefühls. Psychodynamisch stellt die Selbstverletzung eine Form der Affektregulation auf der Basis einer Selbstdissoziation dar. Der Körper wird zur Matrix der selbstverletzenden Handlungen, die wiederum einer fürsorglichen Stabilisierung anderer Selbstanteile dienen [33]. Als ein Aktionismus, eine Art «Performance», übt das handelnde Selbst – in paradoxer Weise durch eine für das selbstreflexive Bewusstsein als Impulskontrollverlust erlebte Handlungsweise – über den negativ besetzten Körper eine tätige Kontrolle aus. Die Verwundung dient dabei als Symbol der Selbsterhöhung zur Unterbrechung nicht aushaltbarer Ambivalenzen, was zur Erleichterung und Standortbestimmung für andere Selbstanteile führt [33]. Über den Akt der Verwundung wird die Identitätsdiffusion aufgehoben, die Depersonalisation beendet und ein neues, einheitliches, subjektives Selbst durch Schmerz und das sichtbare Blut rekonstruiert. In gleicher Weise wird der Körper ebenso verletzt, bestraft, beschämt und überwältigt, wie er durch die Unterbrechung der Depersonalisation in identitätsstiftender Weise neu definiert wird [33].

Familie und Ablösung

Der Prozess einer physischen Trennung von der Familie, der nicht zum Abbruch von Beziehungsbrücken führt, sondern zu einer neuen Form der Beziehungskultur Anlass gibt, die auch über grössere Distanzen und Zeiträume hinweg Beziehungskontinuitäten ermöglicht, gelingt als adoleszentäre Ablösung in den meisten Fällen. Der Prozess kann jedoch auf vielfältige Weise beeinträchtigt sein, wenn andere Entwicklungsaufgaben wie Identitätskonstruktion und Selbstwertstabilisierung nicht optimal gelingen. Der Ablösungsprozess kann auch vonseiten der Eltern erschwert oder verunmöglicht werden, wenn beispielsweise eine psychische Beeinträchtigung einzelner Elternteile schon früh seit der Kindheit den emotionalen Dialog erschwert.
Nach Plass und Wiegand-Grefe [35] findet sich bei Kindern von psychisch kranken Eltern gegenüber der Gesamtbevölkerung eine drei- bis siebenfach erhöhte psychische Auffälligkeitsrate. Wir müssen davon ausgehen, dass beispielsweise rund 500 000 Kinder in Deutschland mit einem depressiven Elternteil aufwachsen. In einer Langzeitstudie an Kindern depressiver Eltern über einen Zeitraum von 20 Jahren wurden bei den Nachkommen zu 21% gegenüber 8% in einer Kontrollgruppe auch wieder depressive Störungen gefunden (Übersicht bei [35]). So ist das Risiko für Depressionen bei Kindern depressiver Eltern verdreifacht. Früh einsetzende psychische Beeinträchtigungen können den Ablösungsprozess konterkarieren.
Kinder psychisch kranker Eltern unterliegen einer destruktiven Parentifizierung. Diese wird nach Plass und Wiegand-Grefe [35] dadurch definiert, dass Eltern dabei ihrer Elternfunktion nicht gerecht werden können und das Kind im Sinne einer Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse missbrauchen. Bedürfnisse des Kindes werden vernachlässigt. Es kann zu Überschreitungen der Generationengrenzen kommen, und das Kind wird in eine Verantwortungsposition gedrängt, die nicht alters- und entwicklungsangemessen ist, so dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als die eigenen Bedürfnisse den von den Eltern gestellten Anforderungen unterzuordnen. Die Familien stellen keinen sicheren Ort dar, und das Kind erhält für die Übernahme der überfordernden Aufgaben keinerlei Anerkennung. Es besteht also nach Plass und Wiegand-Grefe [35] eine mangelnde Reziprozität des Gebens und Nehmens.
Die Familie als Entwicklungskontext präsentiert sich dem Jugendlichen nicht nur in der Beziehungsqualität, in der Bindung, Konfliktkultur und die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse eine Rolle spielen, sondern auch in ihrer Erziehungsqualität, wo es um das angemessene Grenzensetzen und die Herstellung eines sicheren Ortes geht. Nach einer Metaanalyse scheint die Komposition der Familien im Sinne neuer Patchworkformen mit unterschiedlicher Verteilung von Verantwortlichkeit und einer Mehrzahl von erwachsenen Bezugspersonen keine systematische Wirkung auf ungünstige psychische Gesundheitstrends auszuüben [27]. Im Einzelfall gibt es jedoch typische Konstellationen, die den familiären Beziehungsmodus kennzeichnen und Probleme der Ablösung hervorrufen können. Drei typische Konstellationen sollen im Folgenden hervorgehoben werden:
Die erste Konstellation ist die der Familie mit dem Syndrom der «kalten Schulter». Die Eltern nehmen zwar gemeinsam ihre Funktionen wahr, vernachlässigen aber die emotionale Komponente. So kann es zu einer emotionalen Mangelversorgung kommen: Genervte, ungeduldige, unempathische Eltern stellen sich den notwendigen Bedürfnissen ihrer Jugendlichen nicht. Eine Entwicklungsstudie untersuchte dynamische Einflüsse von Familiencharakteristika auf die Entwicklung depressiver und aggressiver Probleme während der Adoleszenz. Es zeigte sich, dass insbesondere mütterliche Zurückweisung in der Prä-Adoleszenz und eine Verstärkung der väterlichen Zurückweisung mit aggressiven Verhaltensweisen bei den Jugendlichen verbunden waren. Demgegenüber hatten Jugendliche, deren Eltern in der Prä-Adoleszenz warmherzig den emotionalen Kontakt gepflegt hatten, im späteren Jugendalter geringere depressive Probleme zu verarbeiten [36]. Gerade vernachlässigende Eltern können im Sinne einer «Frühabstossung» ihre Kinder zu früh ziehen lassen und sie damit ungünstigen Entwicklungsbedingungen der Gleichaltrigengruppe vermehrt aussetzen.
Die zweite typische Konstellation sind die sogenannten «Helikopter-Eltern». Dabei kommt es durch elterliche Separationsängste und vermehrte psychologische Kontrolle über die Initiativen der Jugendlichen zu einer Verhinderung des Identitätsbildungsprozesses [5]. Die Exploration bei den Kindern führt bei den Eltern zu vermehrten Sorgen einer Verselbständigung in ungewünschte Richtung, so dass eine Verstärkung der psychologischen Kontrolle erfolgt. Durch intrusives Verhalten und Druckerzeugung soll bewirkt werden, dass die Kinder den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen entsprechen, doch kommt es schliesslich eher zu einer Abnahme verantwortlicher Identitätspositionen im Bereich der sozialen Rollen – das Kommittment der Identitätsentwicklung bleibt aus. Schliesslich verhindert die vermehrte psychologische Kontrolle jene Identitätsbildung, die sie eigentlich optimieren möchte [5]. Eltern, die ihre Kinder nicht von sich weg ziehen lassen, erschweren oder verunmöglichen in schwersten Fällen sogar den Prozess der Ablösung.
Die dritte typische Konstellation wollen wir als «zwischen den Stühlen»-Konstellation bezeichnen. Die Eltern selbst leben in massiven Konflikten und können sich in Bezug auf das Kind nicht einigen. Der Jugendliche wird nicht selten gezwungen, für die eine oder andere Elternseite Loyalitäten zu bekunden, was zu inneren Konflikten führen kann. Nicht nur in Scheidungsfamilien, auch in Familien, die ihre Zwistigkeiten aktuell im Streit ausleben, können Kinder in die Position des «Zwischen-den-Stühlen-Sitzens» bringen. Auch Streit und Gewalt zwischen den Eltern gilt als eine Form der psychischen Misshandlung des Kindes und kann dessen seelische und körperliche Entwicklung erheblich gefährden [37]. Gewalt ist nicht selten Ausdruck von weiteren interparentalen Fehlfunktionen, die sich ebenfalls ungünstig auf die Entwicklung des Kindes zum Jugendlichen hin auswirken. So finden sich neben der Gewaltbekundung im Sinne verbaler Aggressionen und Drohungen auch andere Zeichen der Feindseligkeiten: eskalierender Zorn, Unentschlossenheit und Streit über Kindererziehung und Trennung [37]. Kinder, die Opfer solcher miterlebter Aggression im Elternhaus sind, können sich oft nur schwer aus dem Geflecht der Loyalitäten lösen und ihren Ablösungsprozess vorbereiten. Es ist davon auszugehen, dass Kinder, die regelmässig Zeugen parentaler Gewalt werden, häufiger unsichere Bindungen aufbauen. Das Verhalten der Eltern ist für die Kinder nicht nur beängstigend, auch wichtige Bedürfnisse kommen zu kurz, oder die Kinder werden sogar zur Gänze in das Kampfgeschehen einbezogen [38]. Aus diesen Beispielen wird deutlich, warum manchen Kindern der physisische Trennungsprozess zur Entwicklung des eigenen Selbst nicht gelingt.

Identität und Zeitgeist

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Prozesse im Zusammenhang mit der physischen Trennung der Jugendlichen von ihrem Elternhaus? Gibt es Einflüsse gesellschaftlicher Umbruchprozesse auf den Entwicklungsweg des Erwachsenwerdens? Wir leben heute in einer Zeit des Umbruchs. In dieser auch als «Postmoderne» bezeichneten Kulturphase des Westens beherrscht nicht eine Mode oder ein verbindlicher Mythos den sozialen Diskurs. Unser Gesellschaftssystem ist vielmehr durch Vielfalt, Mehrdeutigkeit, Multikulturalität, Mehrwertigkeit und Mehrdimensionalität geprägt. Ein zutreffendes Bild für unsere Gegenwart ist der Flickenteppich [39]. Zwischen Börsenkrach und Kriegsgeschehen, waffenstarrendem Fundamentalismus und nationaler Engstirnigkeit, zwischen wirtschaftlicher Globalisierung und Fremdenangst, weltweiten Migrationsbewegungen und Abschottungs-Initiativen muss der Jugendliche auf dem Weg seiner Adoleszenz seinen Ort finden und seinen Platz behaupten. «Trotz Wohlstand, technischer Glanzleistungen, Informationsvielfalt und Entwicklungschancen sind die Kontinuitätsbrüche, die Traditionsabrisse und Werteverrückungen, die Sinnentstellungen und Anpassungsbeschleunigungen der heutigen Gegenwart nicht ausser Acht zu lassen» [39]. Aber ab welchem Grad der Vervielfältigung von Möglichkeiten beginnt die Beliebigkeit, wann erzwingen immer wieder auftretende Brüche und der Zwang zu Neuanfängen eine Zerstückelung der eigenen Lebenserzählung, wann wird die Beschleunigung unseres Alltags zum Wahnwitz? [39]. Offensichtlich gibt es individuelle Unterschiede in der Fähigkeit, trotzdem eine kohärente Selbsterzählung im Sinne der Selbsturheberschaft zu erzeugen. Ein Zenit an Machbarkeit in Nanotechnologie, Gentechnologie und Computertechnologie hat zu Kontinentalverschiebungen in gesellschaftspolitischen Prozessen geführt. Einerseits erkennen wir eine Durchdringung des familiären Alltags, der Dienstleistungsbereiche, der Bildungslandschaft ebenso wie der Sozialstrukturen mit radikal ökonomischen Prinzipien, was viele Aspekte der menschlichen Beziehungs- und Erziehungskultur in Frage zu stellen scheint. Andererseits lehrt uns eine auf Katastrophen gebürstete mediale Öffentlichkeit das Fürchten. Fragen nach der Menschenwürde verschwinden in utilitaristischen Diskussionen oder versiegen in Bequemlichkeit und Konsumrausch. Über all dem wird deutlich, dass der europäische Traum auch heute noch auf dem Rücken einer Unzahl hungernder, leidender und unterdrückter Menschen aufbaut, deren Unglück zugunsten der eigenen Vorteile in Kauf genommen wird. Engstirnigkeit versucht auf komplexe, schier unlösbare Fragen simplifizierende Lösungen zu finden. Aber die Vielfalt unserer postmodernen Informationsgesellschaft kann nicht durch Einfalt erfolgreich regiert werden. Trotzdem hat der politische Diskurs sich in erschreckender Weise vereinfacht und einige Grundwerte der Aufklärung sang- und klanglos hinter sich gelassen. In einem solchen Spannungsfeld muss der Jugendliche seine persönliche Identität, ein gefestigtes Selbstverständnis und einen stabilen Selbstwert erringen.

Das Problemdreieck des bedrohten emotionalen Dialogs

Die postmodernen Chancen und Gefahren verlangen nach jungen Erwachsenen mit hoher Ausbildungs- und Bildungsqualität, einem hohen Grad an Selbstreflexionsfähigkeit und Selbststeuerung sowie einer ausgeprägten emotionalen Differenzierung mit kommunikativer Kompetenz in unterschiedlichen sozialen Feldern. Die vom Alltagsstress und ihrer eigenen Orientierungslosigkeit genervten und erschöpften Erwachsenen verknappen aber den emotionalen Dialog mit ihren Kindern. Es herrscht ein Zeit- und Kräftemangel in wichtigen Beziehungen, wenn Ungeduld, Missverstehen, mangelnde Passung bis hin zu seelischer Traumatisierung bei den Eltern die Beziehungsfähigkeit verunmöglichen. Gestörte Eltern-Kind-Interaktionen erlauben jedoch nicht eine gute und starke Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit. Die Beeinträchtigung des emotionalen Wechselspiels in familiären Systemen kann die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes fundamental schwächen! [39]. Die Heranwachsenden sind dann immer weniger bereit und in der Lage, den Herausforderungen der modernen Umbruchzeit nachzukommen. Wenn dieser Einstieg in die gesellschaftlichen Prozesse scheitert und es zu Problemen der Identitätsfindung, des Selbstwertes und der sozialen Rollenfindung kommt, resultieren Risikoverhaltensweisen, die die Entwicklung der Jugendlichen weiter gefährden. Dort hat der vermehrte Konsum von Freizeit, Medien, Alkohol und Drogen seinen Hintergrund als Krücke der Person, als Ersatzwelt. Ein internalisierter Vorwurf des Ungenügens und der Vorwurf, am eigenen Nicht-Gelingen selbst schuld zu sein, bleibt schliesslich in der Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit an der Schwelle zum Erwachsenwerden nicht ohne Folgen: Gerade die Jugendlichen mit problemhaften Entwicklungen gefährden sich und ihre Zukunftschancen vermehrt. So entsteht ein Teufelskreis [39]. Das überforderte Individuum kehrt im Dunstkreis der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen als Opfer oder potentieller Täter mit destruktivem Potential aus seinen gesellschaftlichen Explorationen zurück. Und in selbstverletzendem Verhalten oder anderen eskalierten riskanten Handlungsweisen machen Jugendliche sich und andere zur Ware. Sie zeigen ihrer Mitwelt, dass sie nur zum wertlosen Ding geworden sind, an dem verzweifelte Inszenierungen ausgelebt werden [39]. In solch einem Paradox der Selbstverdinglichung, in einer Art suchtartigem Selbstkonsum, wird schliesslich die Sehnsucht, sich zu behaupten und etwas Eigenes zu definieren, ausgelebt. Es gibt etwas wie eine mystische Kraft des Aufbruchs und des Auszugs, die der Urkraft der Ablösung als Notwendigkeit und als Forderung der natürlichen Entwicklung innewohnt. Vom Ziel her gedacht ist der Aufbruch die Verheissung auf ein gelobtes Land, durch ein Ziel wird definiert, wo man hin will. Vom Anfang her gedacht ist die Ablösung ein Ausbruch, ein Fortgehen, das auch den Charakter des Los- und Verlassens annimmt, wo das Wollen und das Sollen zu einem Müssen verschmelzen, zur Vorstellung «Hauptsache weg von hier, auch wenn ich gar nicht weiss wohin». Könnte man nicht die jugendlichen Risikoverhaltensweisen, wie die Betäubung in Substanzen, die Suizidalität, die Verführung zu Gewalt und religiösem Fanatismus oder den Ausbruch in autoaggressive Verletzungen, als Ausdruck einer ziellos gewordenen Ablösung sehen, wo nur das «fort von hier» die Leitidee darstellt und die Ziele noch nicht erkennbar sind? Wir Erwachsenen sollten danach trachten, dass diese Ziele nicht von Propagandisten und Geschäftemachern durch äussere Verführungen ersetzt werden.

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